Wasser satt!

Gott - Scalloway (8 km)

Bei einem ersten Blick aus dem Fenster sehe ich hauptsächlich die Farbe Grau. Erste Wassertropfen machen sich auf dem Fensterglas bemerkbar. Wenn das so bleibt, kannst du noch von Glück sprechen, denke ich mir. Vorhergesagt ist ganz was anderes. Unten im Frühstücksraum sind dann schon prasselnde Tropfen vernehmbar, Argument genug für mich, mir heute mal eine Regenhose anzuziehen. Als ich mein Valley B&B in Gott verlasse, bin ich sehr bald anscheinend von Gott verlassen.

 

Es regnet wie Sau! Wie hätte ich mir jetzt schönen Hagel gewünscht oder auch Schnee, die prallten so nett an meinem Anorak und an meiner Brille ab und störten mich nicht besonders. Aber dieser Regen hat jetzt eine andere Qualität. Außerdem kommt er von vorne, genau wie der Wind. Nix also mit Rückenwind, volles Brett von vorne! Ein paar Tage hat der himmlische Blasebalg sich zurückgehalten, jetzt hat er wieder das Sagen. Ich muss mich richtig ins Zeug legen, um gegen ihn anzukommen. Schnell weiß ich nicht, ob der Regen schon durch meinen Anorak gesickert ist oder ob ich vor Anstrengung so schwitze, dass mir das Wasser den Rücken runterläuft. 

 

Nach nicht viel mehr als zwei Kilometern komme ich am nördlichen Ende des Loch of Tingwall an eine zunächst unscheinbare, historisch aber bedeutende Stelle. Im Namen Tingwall steckt es schon drin: Beratungsstätte. In vielen Regionen in ganz Skandinavien und auch hier auf den Shetlands gab es diese Beratungsstätten. Doch bei dieser hier, auf einer kleinen Halbinsel des Lochs, kamen seit der Wikingerzeit die Höchsten aus ganz Shetland regelmäßig zum "Lawting" zusammen, bei dem Gesetze beraten wurden, die für die gesamten Shetlands galten und in wenigen Fällen sogar heute noch gelten. Dies ging über ein paar hundert Jahre so. Ob die Oberwikinger auch bei solch einem Sch...wetter hier draußen getagt haben? Oder wurde dann vertagt?

 

Etwas oberhalb dieses besonderen Ortes sehe ich einen kleinen, unscheinbaren, viereckigen Bau, der erst auf den zweiten Blick eine Kirche erahnen lässt. Nur ihre Lage auf einem kleinen Friedhof lässt auf eine solche schließen. Und doch ist Tingwall Kirk die "Mother Church of Shetland", obwohl sie als Nachfolgerin der ehemaligen zerstörten St Magnus Church aus dem 11. Jahrhundert, von der kaum noch was zu sehen ist, bei weitem nicht die damaligen Ausmaße hat und sogar teilweise aus Steinen der ehemaligen Ruine entstanden ist. St Magnus war der Sitz des Erzbischofs von Tingwall, dem Oberhaupt der Kirche auf den Shetlands. Zwei ganz besondere Orte der Geschichte Shetlands also ganz nah beieinander. Ob sich hierhin die Oberwikinger bei Sauwetter zu ihren Beratungen zurückgezogen haben? Vermutet wird es.

 

Ich jedenfalls tue es. Nicht zur Beratung mit mir selbst, sondern nur um ein wenig Luft zu holen nach dem Anrennen gegen den windgepeitschten Regen. Und jetzt ist der glückliche Zufall wieder mein Wandergenosse. In der Kirche treffe ich auf den Reverent und auf zwei Frauen, die gerade damit beschäftigt sind, den immer am ersten Sonntag im Monat stattfindenden Frühstückskaffee-Gottesdienst vorzubereiten. Im Kirchenraum, in dem mir eine dreiseitige Empore und ein übergroßer Altarbereiche sofort auffallen, werden gerade Tische gedeckt. Es riecht bereits nach frischem Kaffee und ehe ich mich versehe, werde ich auf ein Käffchen eingeladen. Der Reverent nimmt sich Zeit, mir seine Kirche vorzustellen, blättert mit mir in einem Album, das die Renovierungsarbeiten vor einigen Jahren bis ins Kleinste zeigt, und lässt es sich auch nicht nehmen, mir in der kleinen Sakristei die Fotos all seiner Vorgänger im Amt während der letzten 150 Jahre zu zeigen. Als ich mich nach einer halben Stunde wieder zum Gehen bereitmache und die beiden Frauen mich wegen des Regens bedauern, sagt er nur verschmitzt: "Rain keeps the grass growing!", schüttelt mir lachend die Hand und lässt mich ziehen.

 

Draußen ist der Regen keinesfalls weniger geworden. Im Gegenteil! Wer sich jetzt fragt, warum ich denn einen großen Schirm dabei habe, wenn ich ihn nicht einsetze, dem kann ich nur sagen: Würde ich ja gerne, kann ich aber nicht! Das Ding würde mir entweder vom stürmischen Wind eingedrückt oder aus der Hand gerissen. Auf den Shetlands wandern mit Schirm? Der Zahn wurde mir gezogen. So zurre ich denn meine Kapuze so fest um meinen Kopf, dass nur noch Augen und Nase zu sehen sind. Ich stecke wie in einem Cocon und meine Sicht ist sehr eingeschränkt. Mein Blickfeld wird begrenzt durch einen Meter Grünstreifen rechts, einem Meter Straßenrand links und die weiße Seitenstreifenmarkierung in der Mitte. Irgendwann sehe ich auch das alles fast nicht mehr, denn über meine Brille rollen nicht nur die Regentropfen, sondern sie beschlägt auch vollkommen. Die Nase läuft, ich glaube, ich schwitze trotzdem, wahrscheinlich gebe ich ein fürchterlich trauriges Bild ab. Und tatsächlich halten zweimal Autofahrer an und bieten mir einen "Lift" an. Die würden mich samt Wheelie wahrhaftig mit in ihr Auto nehmen! Aber ich lehne ab. So'n bisschen Regen...

 

Am Wegesrand beobachte ich durch meine beschlagene Brille doch noch eine nette Begebenheit: Ein Reisebus steht auf einem kleinen Parkplatz. Etwa zwanzig seiner Insassen stehen vor einem Drahtzaun im Regen und Wind und lassen sich von einem älteren Herrn, der jenseits des Zaunes steht und etwa fünf Shetlandponys an der Leine hält, etwas über dieselben erzählen. Sooo interessant scheint das allerdings nicht zu sein, dass die Zuhörer trotz Regen und Wind wie gebannt an den Lippen des Ponyzüchters hängen. Einer nach dem andern dreht sich um und strebt wieder dem Bus zu, bis nur noch eine Person (vielleicht der Reiseleiter?) sich etwas erzählen lässt. Bei diesem Wetter ist eben das Leben doch kein Ponyhof.

 

Die Strecke nach Scalloway ist gottseidank nicht lang, nur etwa acht Kilometer. Meinen geplanten anschließenden Weg auf dem Scalloway Circle habe ich mir schon abgeschminkt. Ich würde da oben im Gelände wegschwimmen. Dann lieber die Zeit in Scalloway und danach in Lerwick verbringen. Als ich in Scalloway einlaufe, traue ich fast meinen Augen nicht: Der Regen wird weniger, hört ganz auf und ein Streifen blauen Himmels wird sichtbar. Doch ich fühle mich etwas angestrengt und nass, möchte mich jetzt hinsetzen und zwar ins Trockene. Warm wäre auch nicht schlecht. Vielleicht auch ein weiterer heißer Kaffee...

 

Und wie das Leben so spielt: In der ehemaligen "Hauptstadt" der Shetlands, die heutzutage nichts anderes ist als ein größeres Dorf, fällt der Blick zuerst auf die recht imposante Ruine von Scalloway Castle - und daneben steht das Scalloway Museum. Da jedes größere Museum auf den Shetlands ein kleines Café mit dabei hat, kann man hier also sitzen, sogar im Trockenen und Warmen, und kann Kaffee trinken. Gesagt, getan! Ich lege meine wassergetränkten Sachen ab - und hinterlasse dementsprechende Spuren. Der freundliche ältere Herr hinter der Kaffeetheke hilft mir mit einer Rolle Zewa-wisch-und-weg aus und wir tupfen gemeinsam die entstehenden Pfützen auf. In meiner Bauchtasche steht das Wasser, einiges aus dem Inhalt ist zum Wringen nass und als ich mich mal kurz aus meinem Schalen-Plastiksessel erhebe, um triefende Papierhandtücher zum Papierkorb zu bringen, hinterlasse ich dort einen kleinen See, der nach einem Malheurchen aussieht. Ich könnte mich wegschmeißen! 

 

Inzwischen scheint draußen die Sonne. Ein Reisebus fährt vor. Der Reisebus vom etwas misslungenen Ponyvortrag! Menschen der gesetzten Senioren-Kategorie steigen aus. Einige rennen sofort mit ihren Fotoapparaten zu den zwei Shetlandponys, die (wahrscheinlich extra aus diesem Grund) sich dort in einem kleinen Paddock aufhalten (müssen), andere fotografieren das Castle, noch andere wiederum stürmen das Museum. Nicht aber, um sich die Themenbereiche und Exponate des Museums anzusehen, sondern um im Museumsshop zu stöbern. Hier gibt es Postkarten, diverse Textilien aus Shetlandwolle und Stoffspielzeugtiere in den Motiven Papageientaucher und - Shetlandpony. 

 

Aber das Schönste ist: Alles spricht Deutsch! Dafür gibt es nur eine Erklärung: Im Hafen von Lerwick, kaum 10 Kilometer von hier entfernt, hat ein Kreuzfahrtschiff festgemacht und im Moment läuft das zehnstündige Landgangprogramm. Einigermaßen trockengerieben beobachte ich amüsiert bei meinem Kaffee das Geschehen. Nach zwanzig Minuten ist der Spuk vorbei und es kehrt wieder Ruhe ein im Museum. 

 

Ich habe noch weit über eine Stunde Zeit bis mein Bus nach Lerwick fährt. Und ich kann von Glück sagen, dass er fährt. Von dem allgemeinen Busfahrverbot auf den Shetlands an Sonntagen ist die kurze Strecke zwischen den beiden Hauptorten Scalloway und Lerwick ausgenommen. So kann ich mir noch in aller Ruhe und als einziger Besucher das Museum mit der äußerst interessanten Geschichte von Scalloway ansehen. Vor allem die Zeit von 1941-45 spielt dabei eine herausragende Rolle. Dokumentiert wird die Geschichte vom "Shetland Bus". 

 

Nach der Besetzung Norwegens durch die deutsche Wehrmacht während des II. Weltkriegs ging von den Shetlands (und gerade auch von Scalloway) eine Unterstützung des Widerstandes in Norwegen aus. Während der Nacht und gerade bei schlimmsten Wetterverhältnissen, die vor Verfolgung am ehesten schützten, wurden Waffen, Radioempfänger, Medizin, Agenten usw. mit Fischerbooten an verschiedene Stellen der norwegischen Küste gebracht und auf dem gefährlichen Rückweg Flüchtlinge mit auf die Shetlands genommen. An Freiwilligen für diese große Hilfsaktion hat es damals nicht gefehlt und alle Geflüchteten wurden mit Herzenswärme aufgenommen und manchmal jahrelang versorgt.

 

Als ich wieder in meinen Anorak steige, ist der noch etwas klamm, aber die nun von einem blauen Himmel herablachende Sonne vertreibt schnell dieses etwas unangenehme Gefühl. An einer bunten Häuserreihe und am Hafen vorbei, wo auch das "Shetland Bus"-Denkmal steht, komme ich zur zentralen Bushaltestelle und eine halbe Stunde später bin ich in Lerwick. Beim dortigen Hafen wird es zur Gewissheit: Nahezu doppelt so groß wie die danebenliegende Fähre, die mich und die Kinder vor einigen Tagen von Aberdeen hierher gebracht hat, liegt das Kreuzfahrtschiff da und es ist kein anderes - als die AIDA.

 

Ich verstaue schnell meine Sachen im Hostel und mache mich auf zu meinem "Landgang" durch Lerwick. Dass am heutigen Sonntag alle Läden der kleinen Einkaufsstraße von 10-17 Uhr geöffnet haben, wundert mich nun nicht. Auch das gehört zum AIDA-Programm: Shoppen auf den Shetlands. Und die Händler lassen sich dieses Geschäft natürlich nicht entgehen. Ich spreche ein älteres Ehepaar an und erfahre: Die Reise begann in Hamburg, dauert insgesamt 10 Tage. Bisher waren sie in Invergorden (Schottland) und Kirkwall (Orkneys). Von Lerwick aus geht es jetzt noch nach Bergen (Norwegen) hinüber und von dort wieder zurück nach Hamburg. Und was hat's gekostet? Blöde Frage! Das verraten sie mir natürlich nicht.

 

Von einem kleinen Musikladen am "Hauptplatz" von Lerwick klingt über einen Lautsprecher Musik an mein Ohr. Eine Ballade, Gitarrenmusik, eine schöne Männerstimme. Ich habe mein Souvenir. Ich gehe rein und frage nach der CD. Die Verkäuferin lächelt, als sie sie mir gibt und zeigt in eine kleine Ecke, wo ein Mann und drei Frauen in diesem Moment anfangen zu musizieren. "Das ist der Sänger auf Ihrer CD, Brian Nicholson. Er kommt aus Lerwick und spielt heute Abend auch auf dem Folk-Festival ", sagt sie und freut sich sichtlich, mir das mitteilen zu können. Die Musik, die ich von den Fünfen höre, lässt mich zehn Minuten wie gebannt zuhören. Erst als sie ihre Instrumente einpacken, verlasse ich fast ergriffen den Laden. Seit Donnerstag findet in Lerwick und in anderen Orten das große "Shetland Folk Festival" statt. Heute ist der letzte Tag und Karten sind schon längst ausverkauft. Ich habe mein kleines Festival gerade gehabt.

 

Als ich um kurz nach 18 Uhr beginne, meinen Tagesbericht zu schreiben, tutet das gewaltige Horn der AIDA dreimal. Alle Passagiere werden wieder an Bord gerufen. Ihr Landgang ist vorbei.

 

 

Sieh dir meinen 7,9 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/562358113

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 3
  • #1

    Die Pilgertochter (Montag, 02 Mai 2016 08:42)

    Armer begossener Pudel! Da müssen wir ja tatsächlich froh über den"trockenen" Hagel und Schnee sein, den wir hatten. Aber interessant, dass wir Stunden durch Lerwick gelaufen sind, verzweifelt und erfolglos auf der Suche nach etwas wie einer Einkaufsstraße und jetzt sehen wir solche Bilder!

  • #2

    Lore (Montag, 02 Mai 2016 10:02)

    Ja, Pilgertochter, Papa ist eben Wanderführer, auch in Lerwick :-)

  • #3

    Der Kronprinz (Montag, 02 Mai 2016 18:03)

    Puh! Also, der Tag wäre nix für mich gewesen...