Bibbern in der Kältekammer

Voe - Gott (20 km)

Viele Grüße von Gott! ... Äh... nicht falsch verstehen... ich bin dem alten Mann dort oben noch nicht soooo nahe gekommen, dass er Grüße ausrichten lässt. Ich bin in "Gott". So heißt das Örtchen, in dem ich heute übernachte. Aber alles der Reihe nach...

 

Die Nacht war kalt, lausig kalt! Aber ich wollte ja die mal etwas andere Unterkunft. Mein leichter Fleece-Schlafsack und meine komplette Bekleidung, die ich am Leibe behielt, kamen nicht gegen die Kälte an. Der getrocknete Torf schaffte es letztlich auch nicht, war schon tagsüber ohne durchschlagenden Erfolg recht zügig runtergebrannt und der Sack leerte sich. Außerdem wollte ich in der Nacht schlafen und nicht stundenweise nachlegen. Glücklicherweise fiel mir nachts in frierenden Minuten ein, dass ich in dem großen Raum nebenan gestern einen dickeren Schlafsack gesehen hatte. Also runter von der Matratze und zitternd hin. Mir war es jetzt egal, wer vorher darin geschlafen hatte, ich war ja durch meine Kleidung rundum isoliert. Zwar hatte dann der herbeigeschaffte Schlafsack auch keinen hohen Wärmewert, aber es war besser als vorher. 

 

Der Erholungswert der Nacht war also nicht sonderlich hoch und morgens, bei einem Blick auf meinen Handywecker, schwanke ich mit mir. Nochmal rumdrehen, um doch noch etwas mehr Schlaf zu finden oder aufstehen und blitzschnell in Bewegung kommen, damit die immer noch eingefrorenen Gliedmaßen warm werden? Da mein innerer Motor angeschmissen ist und ich wahrscheinlich sowieso nicht mehr schlafen kann, entscheide ich mich für die zweite Variante. Das Wasser beim Waschen ist viel kälter als sonst, die Holzbank in der kleinen Selbstversorgerküche, wo ich mir immerhin einen heißen Kaffee machen kann, ist so kalt, dass ich mir mein Thermo-Sitzkissen unterschiebe und als ich in den Kaffee blase, bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich Kaffeedampf vor meinen Augen sehe oder den eigenen Atem.

 

Noch nie habe ich so schnell meine Sachen zusammengepackt. Um 8 Uhr stehe ich auf der Straße vor dem Böd. Gnädig sendet mir die liebe Sonne ein paar Strahlen und selbst um diese frühe Morgenstunde auf den Shetlands ist es hier draußen jetzt schon wärmer als drinnen im Sail Loft. Wo früher Salz eingelagert wurde, könnte man jetzt doch Stangeneis reinpacken - das hält sich!

 

Ohne nochmal groß auf die Karte zu sehen, renne ich los. Da vorne wird es schon langgehen. Warm werden, warm werden...! Zügig geht es bergauf, richtig schön bergauf. Schneller als gedacht wird mir warm, richtig schön warm, alles an mir taut auf, ich dampfe. Mittlerweile kann ich von oben auf Voe hinabblicken, wie es da auf Meereshöhe an der Bucht des Olnafirths liegt. Jetzt müsste ich so langsam auf die Hauptstraße stoßen, die nach Lerwick führt. Aber immer noch bleibt die Straße, auf der ich weiter den Berg raufrenne, ein schmales Sträßchen ohne jeden Autoverkehr. Irgendwann kommen leichte Zweifel auf. Da stimmt doch was nicht! Jetzt endlich ein Blick auf die Karte. Verdammt! Mein Gehirn war beim Abmarsch wohl immer noch im Tiefkühlmodus! Ich renne gerade genau in die falsche Richtung! Also: Den ganzen Berg wieder runter! Ich fluche leise vor mich hin, muss aber eingestehen, dass doch genau das eingetreten ist, was ich wollte: wieder warm werden.

 

Ich ziehe mit einem leichten Grinsen am Sail Loft vorbei, verabschiede mich nochmal schnell vom Wirt des Pierhead Pubs, der gerade die Tür öffnet und sein Kneipenschild davorstellt, und bin keine zehn Minuten später auf der Hauptstraße nach Lerwick. In der Tat ist hier etwas mehr los. Da ändert wohl auch der heutige Samstag nichts dran. "Etwas mehr los" bedeutet allerdings im Durchschnitt höchstens ein Fahrzeug pro Minute, und das immerhin auf der wichtigsten und einzigen Nordsüdachse der Shetlands. Viele Lkw-Transporter sind dabei, die Waren (auch von Übersee) von Lerwick in den Norden schaffen oder von den nördlichen Inseln zur Vermarktung in diesen Hauptort der Shetlands. 

 

Die Landschaft, durch die die A970 ohne große Höhenunterschiede Richtung Süden führt, ist zunächst sehr karg. Weite Strecken durch ein langgezogenes Tal, menschenleer, torfig und zum Teil mit Heidekraut bewachsen und von Erosionsrinnen und Bächen durchzogen. Immer wieder kleine oder auch größere Seen, auf denen vereinzelt Wildgänsepaare einträchtig nebeneinander dahinziehen. Manchmal hocken sie aber auch direkt am Straßenrand, schrecken urplötzlich hoch und ziehen laut schreiend im Tiefflug ihre Kreise. Hinter Zäunen, die riesige Areale ab- und eingrenzen, stehen oder laufen Schafe und schauen mich bei meinem Vorübergehen verdutzt bis panisch erschrocken an. Solch ein Wesen, das da an ihnen vorbeimarschiert, kennen sie nicht. Gegen die kleinen und großen Ungetüme, die auf vier oder mehr Rädern an ihnen vorbeirasen, sind sie immun. Gerade als mir bewusst wird, dass keines der Schafe auf der Strecke bisher Lämmer mit sich führt, hält vor einem großen Gatter im Zaun ein Geländefahrzeug mit Hänger. Zwei Männer steigen aus, öffnen das Gatter, fahren hinein und entladen fünf Mutterschafe mit acht winzigen Lämmern. Zu Hause im Stall wurden sie wohl vor wenigen Tagen erst geboren und jetzt geht es in die raue Wirklichkeit. Aber so ist anscheinend das Schafleben auf den Shetlands. Ich mag mir das gar nicht vorstellen: Für die nächsten Tage ist Regen angesagt, wieder mit stürmischen Winden. Die armen Dinger...

 

Ich genieße den Tag, auch wenn es wieder am Straßenrand ist. Diese Straße gehört genauso zu den Shetlands wie die Klippen, die Strände, die Moore. Auf dieser Straße, wie auch schon auf anderen Straßen zuvor, erfahre ich, welch freundlicher Menschenschlag die Shetlander sind. Kaum ein entgegenkommendes Auto, aus dem heraus man mich nicht anlacht (und ich nehme an, sie lachen mich an und nicht aus!), mir zuwinkt oder mal kurz gehupt wird. Ich freue mich jedes Mal darüber. Ich bin mir jetzt bereits wieder sicher, dass ich wieder einmal eine Geschichte von einem kleinen Glück erlebe, von Erlebnissen mit Menschen und von Anstrengungen des Unterwegsseins, vom Mitgerissenwerden und Streckemachen, vom Sich-Treiben-Lassen und In-Die-Wolken-Schauen.

 

Auf den letzten Kilometern sehe ich zu meiner Linken auch wieder die Nordsee. Ein Fischerboot fährt gerade in eine kleine, durch vorgelagerte kleine Inseln geschützte Bucht ein und geht in der Nähe eines Dorfes vor Anker. Mein "Ankerplatz" ist wenig später auch erreicht. Ich bin in Gott.

 

 

Sorry, heute keine Streckenaufzeichnung! Habe vergessen, das GPS anzumachen.

 

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Kommentare: 6
  • #1

    Peter und Lore (Samstag, 30 April 2016 21:59)

    Hallo Reinhard,
    "keine Streckenaufzeichnung" wird total ausgeglichen durch einen super zeitnahen Bericht am 30.4. über Deinen Tag am 30.4.. Hoffentlich hast Du heute Nacht ein wärmeres Quartier in Gott.
    Schön, dass Du so viel schreibst. Wir sind ja total bei Dir.
    Liebe Grüße
    Peter und Lore

  • #2

    Dieter (Sonntag, 01 Mai 2016)

    Du weißt ja sicher - wer schläft, sündigt nicht. Wer friert, schläft nicht! Ob Du dann bei Gott Quartier bekommst? Hoffentlich hast Du bis Inverness keine Frostbeulen.
    Halt dich schön warm

  • #3

    inge geisler (Sonntag, 01 Mai 2016 09:59)

    Lieber Reinhard. Da friert man ja beim Lesen. Da mag ich den traditionellen Eisbecher nach Deiner Rückkehr garnicht erwähnen. Werde nur nicht krank!

  • #4

    Die Pilgertochter (Sonntag, 01 Mai 2016 12:45)

    Maaannmannmann!

    Ich glaub, ich bin doch der bessere Robinson Crusoe. Was machst du nur ohne mich und meinen Einfallsreichtum? Nächstes Mal: Heißes Wasser in deine Trinkflasche und mit ins Bett=Wärmflasche. Bunkbed vor den Kamin ziehen und oben schlafen =wärmste Variante!

  • #5

    Lore (Sonntag, 01 Mai 2016 19:57)

    Und nicht den eigenen Schlafsack gegen den von Herrn/Frau Irgendwem TAUSCHEN (so verstand ich es), sondern mit dem eigenen in den anderen hineinschlüpfen. Das ist nicht nur wärmer, sondern auch angenehmer im Hinblick auf eventuelle Schlafsack-Mitnutzer, die die Herren/Frauen Irgendwems darin vergessen haben.

  • #6

    Der Kronprinz (Montag, 02 Mai 2016 17:51)

    Also, wenn Vatter mal friert... Das heißt schon was...