Lieder trällern beim Tippeln

Brae - Voe (8 km)

Der Platz neben mir am Frühstückstisch bleibt heute leer. Barbara ist bereits wieder mit ihrer Kamera unterwegs. Heute steht Otter-Shooting auf dem Programm. So habe ich Zeit, in aller Ruhe den Panorama-Ausblick auf den Urafirth zu genießen. Wieder scheint die Sonne auf ihn, er ist blau wie der Himmel und spiegelglatt. Nur hier oben am Hang flattert die kleine schottische Flagge etwas müde in einer sanften Brise.

 

In den Büschen, die den Garten einfrieden, fliegen aufgeregt einige Vögel hin und her. Minuten später weiß ich auch warum. Marcia geht mit einer Schüssel die Treppen zum Garten hinunter und verteilt daraus auf eine kleine Futterplattform - Porridge. Sie füttert die Vögel mit den Resten vom morgendlichen Frühstücksporridge! Wenn das jetzt keine typisch schottischen Vögel sind. "Um diese Zeit kommen sie immer nahezu in Schwärmen hier an. Die wissen wohl, wann Fütterungszeit ist", lacht Marcia und bringt die Schüssel wieder zurück in die Küche.

 

Ja, ja, Marcia ist um alle besorgt. Noch bevor ich mich an den Tisch setzte, bat ich sie darum, mir heute im Rahmen ihres Full Scottish Breakfast nur eine Scheibe Blackpudding (so etwas wie gebratene Blutwurst) zuzubereiten, da ich noch die Portionen an Rührei, Bacon, Beans usw. von gestern kannte. Marcia brachte mir tatsächlich nur eine Scheibe Blackpudding - dafür ersatzweise aber zwei Würstchen. Doch einen Vorteil hat das ja: Mit diesen Mengen komme ich immer bequem bis in den Abend.

 

Gern hätte ich von Marcia zum Abschied ein Foto gemacht, was sie aber entschieden ablehnt. "Davon würde deine Kamera kaputtgehen." Ok, jeder der kamerascheu ist, hat so seine Art, dies zu entschuldigen. Trotzdem fällt der Abschied besonders herzlich aus und ich muss versprechen, wieder bei ihr vorbeizuschauen, sollte ich nochmal auf die Shetlands kommen. Dies verspreche ich mit gutem Gewissen. Fast auf die Minute genau war ich jetzt 48 Stunden in Upper Urafirth und es waren eine der schönsten Stunden auf den Shetlands: Eine wunderschöne Landschaft, beeindruckende Wege vorgestern auf dem Eshaness Circle und gestern auf dem Hillswick Circle, herrliches Wetter und eine mütterlich treusorgende Gastgeberin im Almara B&B. Marcia winkt mir hinterher, als ich die kleine Straße zur Hauptstraße hinuntergehe.

 

Bald sehe ich den Bus von Hillswick aus herangefahren kommen. Wieder mein Handzeichen, der Bus setzt den Blinker, hält an - ja, und wieder ist es die Busfahrerin der letzten beiden Tage, die jetzt das dritte Mal das Vergnügen hat, mich zu transportieren. Eine Viertelstunde später bin ich in Brae - und die kürzeste Wanderung meines bisherigen Shetlandaufenthaltes beginnt. Kurz nicht etwa, weil ich zu faul zum Gehen bin, sondern weil es einfach von der Unterkunftsfrage her so am besten passt. Die nächsten Möglichkeiten, ein Bett in meiner gewünschten Richtung zu bekommen, hätten ein Tagespensum von fast 35 Kilometern notwendig gemacht. Außerdem steht in Voe das "Sail Loft", eine dieser wenigen, sehr preiswerten Unterkunftsmöglichkeiten (auch "Böds" genannt), die in ehemaligen alten Fischer-oder Bauernhäusern o.ä. eingerichtet worden sind, um Reisenden, die nicht viel Wert auf Komfort legen, etwas anzubieten. Grund genug also für mich, heute einen Gang zurückzuschalten.

 

So marschiere ich gut gelaunt entlang der Straße am Olnafirth vorbei, erwidere gutgelaunt den ein oder anderen Gruß eines Auto- oder LKW-Fahrers, lasse mich von blökenden Schafen anfeuern und trällere Lieder. Nicht irgendwelche Lieder, sondern einige von denen, die ich mir - sozusagen als "Hausaufgabe" - mit auf den Weg genommen habe. Lieder, die unsere "Band", bestehend aus Familienmitgliedern und Freunden (deshalb auch ihr sinniger Name "Family and Friends"), bereits kurz nach meiner Rückkehr bei einem ersten Konzert zum Besten geben will. Der Chef der Truppe, mein Freund Wolfgang (derselbe, der mich am Pfingstwochenende für drei Tage begleiten wird), hat mir die strengste Auflage gemacht, alle Lieder auswendig zu können und nix mit Text auf Notenständer und so. Was will ich also machen, wenn ich nicht aus der Band fliegen will...? Mir kommt sogar schleichend der Verdacht, dass der Pfingsten gar nicht unbedingt wandern will, der will mich nur kontrollieren! Und dann muss ich in den nächsten Wochen auch noch meinen Rollentext für das nächste Theaterstück lernen... Was soll ich denn noch alles machen? Aber eigentlich ist das ja die beste Gelegenheit zu alledem..., wenn man auf den Shetlands so am Straßenrand entlangtippelt.

 

Ich bin gerade mal knappe zwei Stunden on the road, als ich in Voe ankomme. Voe ist so etwas wie ein zentraler Punkt, ein Drehkreuz der Shetlands. Von hier führen zwei Hauptstraßen in den Norden: eine in Richtung Brae und Northmavine, die andere hoch zu den Inseln Yell und Unst. Andere führen von hier nach Scalloway und Lerwick in den Süden, kleinere Straßen, sog. "B"-roads, nach Westmainland oder östlich in das Örtchen Vidlin. Recht alt ist die kleine Siedlung hier. Die erste Kirche, die ich jetzt nur noch als Ruine vor mir sehe, stammt von 1714. Der Teil des Ortes, durch den ich zuerst komme, ist neu. Fast alle Häuser, die hier stehen, sind Anfang der 70er-Jahre entstanden, am Beginn des Öl-Booms. Das traditionelle Zentrum aber liegt unten am südlichen Ufer des Olnafirths. Die Anlegestelle dort war das Herz der Heringstation, die Anfang des 19. Jahrhunderts gegründet wurde. Sogar eine Walfangstation gab es, betrieben von einer norwegischen Company. Und genau hier, im alten "Sail Loft", ist das Böd eingerichtet, mein heutiger Übernachtungsplatz.

 

Zur Zeit der Heringsfischerei wurde hier Salz gehortet, später Segel repariert und Masten und Takelagen während der Reparatur eingelagert. Dann war es eine Wollspinnerei, die vielen Menschen aus Voe und der Umgebung einen Arbeitsplatz gab. Sail Loft darf sich sogar rühmen, den Everest-Bezwinger Sir Edmund Hillary bei seiner Erstbesteigung mit einem hier gefertigten extraleichten Sweater ausgerüstet zu haben.

 

Als ich die Tür öffne, schlägt es mir direkt recht kalt entgegen. Hier wurde schon lange nicht mehr geheizt. Wahrscheinlich bin ich der erste Gast in diesem Jahr. Der erste Raum ist sehr groß. Stockbetten stehen an den Wänden, auf jedem liegen mit Plastikfolie überzogene Matratzen, sonst nichts. In der Mitte ein großer Tisch mit ein paar Stühlen. Daneben ein weiterer, kleinerer Raum. Ebenfalls Stockbetten an einer Wand mit blanken Matratzen, ein kleiner Tisch, Stühle gestapelt, zwei schwere Polstersessel - und ein Ofen! Daneben eine große Truhe mit Kleinholz und ein Sack mit getrocknetem Torf. Hier bin ich richtig!

 

Kurz verschnaufen, dann anstochen! Erstaunlicherweise gelingt mir das sofort, aber der Raum ist sehr hoch und bis die Wärme unten ankommt, wird es eine Weile dauern. Daher jetzt eine heiße Suppe, einen heißen Tee hinterher, dann in den Schlafsack, Augen zu, die Kälte wegpennen. Als ich wieder wach werde, ist die Wärme immer noch nicht unten angekommen, der Torf aber schon fast verglüht. Also nachlegen, noch einen Tee, im Schlafsack eingewickelt auf einen der Sessel gesetzt, auf den anderen kommen die Füße. Ich trällere Lieder, lerne ein wenig meine Rolle (arbeite also an meinen "Hausaufgaben"), lege weiter Torf nach, langsam wird es wärmer. 

 

Ein kleiner Spaziergang kann auch nicht schaden. Ich gehe auf den Pier und schaue über den Olnafirth hinweg, in dem die Sonne glitzert. Der Wind frischt auf, in den nächsten Tagen soll es wieder stürmisch werden. Warum auch nicht, hatte ich ja lange nicht. Ich stelle mir vor, wie früher die einfachen Fischerboote hier anlegten nach langem Fischfang bis hin in die Fischgründe der Färöer oder Islands. Wochen waren sie manchmal unterwegs, oft bei dickstem Nebel oder Sturm. Nur vier, fünf Tage blieben die Boote angetäut, bis der Fang entladen und die Boote überholt und wieder bereit waren. Dann ging es wieder hinaus, für Wochen. Die Kinder kannten ihre Väter kaum.

 

Nachdenklich gehe ich wieder ins Sail Loft zurück, nachlegen, schreiben. Am Abend treibt es mich für eine Kleinigkeit in den Pub auf der gegenüberliegenden Straßenseite. An der Theke stehen (natürlich) nur Männer und nach einigen Pints sind sie nicht anders als die meisten ihrer Art überall auf der Welt: laut!

 

Sieh dir meinen 8,1 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/560062727

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Der Kronprinz (Samstag, 30 April 2016 20:03)

    Gestern bei der Probe waren wir uns einig, dass du raus fliegst. ;-)

  • #2

    Die Pilgertochter (Sonntag, 01 Mai 2016 12:32)

    Echt mal, du kennst den Namen ja noch nicht mal! Coole-Leute-Band!! Coole-Leute-Band!!!!