Wandern um das "Traubenbündel"

Upper Urafirth - Hillswick - Hillswick Circle (13 km)

Bevor ich mich den Rühreiern, Bohnen, Champignons etc. widme, stellt mir Marcia ihren zweiten Gast vor, der sich gerade durch die Riesenportion quält, die Marcia offensichtlich ihren Gästen vorsetzt. Es ist Barbara, eine zierliche ältere Dame aus Norfolk in England, Hobbyornithologin und Shetlandfan. Zweimal im Jahr kommt sie hierher, bewaffnet mit einer Riesentrumm von Kamera und fotografiert jeden Vogel, der ihr vor die Linse kommt. Dafür zieht sie einsam und allein durch die unwirtlichsten Gegenden und ist jeden Tag Stunden unterwegs. "Und abends bekomme ich die Fotos dann immer alle gezeigt", sagt Marcia hinter Barbaras Rücken und zieht dabei etwas die Augenbrauen hoch.

 

Vom Frühstücksraum aus blicke ich über den sonnenbeschienenen Urafirth bis hin zu Hillswick Ness, meinem heutigen Wandergebiet. Die Büsche im kleinen Garten vor dem Fenster bewegen sich nicht. Wieder kein Wind! Es sieht so einladend frühlingshaft draußen aus. "Täusche dich nicht, Reinhard, als ich heute Morgen um sechs Uhr aufgestanden bin, war alles weiß, nicht vom Schnee, vom Frost." Barbara erzählt von den Wiesenblumen, die im Frühling überall auf den Wiesen ihre Pracht entfalten. Ich sehe so gut wie keine davon und frage: "Wann ist denn hier Frühling?" - "Im Mai, Juni", antwortet Marcia lächelnd, "hier ist alles etwas später dran als bei dir zu Hause." 

 

"Im Sommer wird es bei uns kaum dunkel, vielleicht für eine Stunde. Wenn zu mir Gäste mit Kindern kommen - und die kommen oft - , haben sie immer Probleme, die Kleinen abends in die Betten zu bekommen. Manche hängen dann dicke Decken vor die Fenster. Für dieses Jahr habe ich mir lichtundurchlässige Vorhänge angeschafft, damit dieses Problem eventuell mal aufhört. Dafür ist es im Winter auch schon immer gegen 13.30 Uhr wieder dunkel. Viele meinen, das wäre schlimm und man bekäme doch Depressionen davon. Ich kenne niemanden, bei dem das so ist," lacht sie und holt frischen Kaffee.

 

Da Marcia den Nachnamen Williamson hat, frage ich sie, nachdem sie uns Kaffee nachgeschüttet hat, ob sie nordische Vorfahren habe. Sie grinst breit und nickt heftig mit dem Kopf. "Oh ja, ich habe Wikingerblut in mir und mein Mann auch, und wir sind stolz darauf! Aber keine Angst, wir sind ganz harmlos. Heute sind wir einfach nur Shetlander!"

 

Bis der Bus mich gleich unten an der Straße aufpickt, um mich nach Hillswick zu fahren, habe ich noch etwas Zeit. Marcia gibt mir einen Wanderführer mit aufs Zimmer, der jeden "walk" in Northmavine ausführlich beschreibt, auch den Hillswick Circle. "Wenn du dir das durchgelesen hast, bist du heute gut vorbereitet." Dann zeigt sie mir auf meiner Karte noch zwei Stellen, wo ich vielleicht Ottern entdecken könnte und warnt mich vor sumpfigem Gelände, dem ich wohl besser ausweiche. Herrlich, diese Frau!

 

Ich stehe nur wenige Minuten an der Straße, da kommt der Bus den Hügel heruntergerauscht. Ich signalisiere meinen Haltewunsch, der Bus hält an und wer sitzt hinterm Steuer? Die nette Busfahrerin von gestern! Sie begrüßt mich mit lautem Hallo und lacht, als ich den Fahrpreis entrichten möchte. "Wären Sie an der regulären Haltestelle in Urafirth eingestiegen, hätten Sie eine Kleinigkeit bezahlen müssen, aber jetzt hier...? Das ist in meinem Apparat hier gar nicht mehr vorgesehen. Also nehmen Sie Platz, das kostet jetzt mal nichts!" Also... diese Frau gefällt mir!

 

Ein paar Minuten später lässt sie mich im Zentrum von Hillswick raus. Vielleicht bis morgen früh, denke ich mir und lächle in mich hinein. "Zentrum" ist gut, Hillswick besteht aus ein paar Häusern, einer Kirche und einem irgendwie überdimensionierten und holzverkleideten Gebäude, dem St. Magnus Hotel. Das Hotel scheint die allerbesten Jahre hinter sich zu haben, auch wenn gerade im Moment die Zufahrt neu asphaltiert wird. Vielleicht der Beginn einer umfassenderen Renovierungsmaßnahme. Der Bau hat seine Geschichte:

 

Für die "Great Exhibition" in Glasgow 1896 wurde er in Norwegen vorfabriziert, erworben von der "North of Scotland Orkney and Shetland Steam Navigation Company" (die die meisten Fähren zwischen dem schottischen Festland und den Orkneys und Shetlands von 1875 bis 2002 betrieb, als Vorgänger der jetzigen NorthLink Ferries) und in Hillswick wieder eins zu eins aufgebaut. Aber warum gerade in dem alten Fischerdorf Hillswick? Die "North Company", wie sie gebräuchlicher genannt wurde, betrieb Hillswick als Anlaufstelle für seinen Fährverkehr auf der Westseite der Orkneys und der Shetlands. Von Scrabster auf dem schottischen Festland (heute noch Fährhafen zu den Orkneys) nach Stromness (Orkneys) und Scalloway (Shetlands) waren ihre Fähren im Einsatz und sind es zum Teil heute noch. Obwohl noch keine Straßen bis dato Hillswick erreicht hatten, war die Fährgesellschaft recht erfolgreich darin, Hillswick zu einem Urlaubsort zu machen. Noch heute beherrscht das Hotel optisch den Ort, vermietet immer noch 33 Zimmer und hat ein Restaurant, aber die Zeiten der "Westside steamer" sind lange vorbei.

 

Ein Fischerdorf war Hillswick seit Anfang des 18. Jahrhunderts. Ein grobsteiniger Strand wurde künstlich angelegt, um darauf den gefangenen Fisch zum Trocknen auszulegen. Dort wo die Boote anlegten, entstand "Da Böd", ein relativ großes Gebäude, in dem über 300 Jahre lang Handel betrieben wurde und das damit der älteste Handelsplatz auf den Shetlands ist. Als Handelsniederlassung der Hanse wurde es von deutschen Kaufleuten betrieben, der erste war Adolf Westermann aus Hamburg. Mit seinen Schiffen St. Johann und St. Peter verbrachte er jeden Sommer damit, zwischen den Bauern- und Fischerfamilien der Region um Hillswick und entfernteren Handelsplätzen zu agieren. "Da Böd" war Umschlagplatz von Web- und Strickwaren, Fischen, Särgen, Lebensmitteln, Poststation und Pub - ein buntes Spektrum.

 

Doch jetzt raus aus dem "Großstadtleben", rein in die Natur! Eine kurze Kletterpartie über einen Weidezaun und ich bin wieder drin. Hillswick Ness ist eine kleine Halbinsel, die - bei einem Blick auf die Karte - wie ein Weintraubenbündel in die St. Magnus Bay hinausragt, wobei Hillswick so etwas wie den Stiel bildet. Dieses Traubenbündel umlaufe ich jetzt im Uhrzeigersinn. Auch wenn die Halbinsel nicht groß ist, drei Stunden werde ich dafür schon brauchen. 

 

Im nördlichen Teil geht es zunächst recht flach voran, immer eng am Ufer entlang, teilweise über einigermaßen morastigen Untergrund. Einen Weg gibt es nicht, höchsten ganz schmale, manchmal kaum zu erkennende Pfade, die aber wohl eher durch Schafsfüße entstanden sind als durch Wanderer. In kleinen Buchten mit ihren verstreuten Felsen und blankgeschliffenen Steinen dümpelt das Wasser dahin, von einem Wellenschlag kann heute keine Rede sein. Ich halte an einigen Stellen nach den in Aussicht gestellten Ottern Ausschau, aber entweder haben sie sich perfekt getarnt und sind einfach nicht vorhanden. 

 

Ich kann mich mal wieder nicht daran sattsehen, obwohl die Aussicht eine Zeit lang ähnlich bleibt: Wiesen bis ans Ufer, das Wasser, die Felsen in der Bucht. Und dann sind es die Wolken, die dem Ganzen eine besondere Note verleihen. Das Gelände steigt merklich an. Böschungen werden zu Abhängen, Abhänge werden zu Klippen, erst klein, zum Ende dramatisch. Wieder und wieder höre ich die harten, auffordernden Schreie der Möwen. Je höher ich nicht weit vom Rand der Klippen emporsteige, desto mehr Seevögel sehe ich, die in ihnen brüten. Einige von ihnen steigen auf, sobald sie mich erblickt haben, schreien nicht, kreisen nur um mich herum als wollten sie sagen: "Wir akzeptieren dich auf deinem Weg, aber komm unseren Nestern nicht zu nahe!" Ich verspreche es ihnen ohne Wenn und Aber.

 

Zur Südspitze des "Traubenbündels" hin geht es immer höher. Ich puste, muss mal anhalten. Plötzlich ist es seltsam still um mich herum. Das hatte ich beim Gehen gar nicht bemerkt. An anderen Tagen sorgen die Wheeliereifen auf dem Asphalt und der bei meinem Schritttempo manchmal schon vernehmbare "Fahrtwind" selbst in autofreien Momenten für eine gewisse Geräuschkulisse. Bis vor Sekunden war es noch mein Atmen und meine Schritte. Aber jetzt, wo ich hier stehe: kein Wellenschlag, kein Vogel, kein Auto, kein Flugzeug, keine menschlichen Stimmen, kein Schafsblöken - nichts. Es ist total unwahrscheinlich, dass in der Natur hier draußen eine solche Stille entsteht, aber es ist tatsächlich nichts zu hören. Selbst der leichte Wind hält für einen Moment die Luft an. Diese Stille ist berauschend. Im selben Moment fällt mir auf: Wo sind hier eigentlich die Schafe? Auf der ganzen Strecke habe ich noch kein einziges Schaf gesehen. Merkwürdig.

 

Langsam nähere ich mich der Südspitze der Halbinsel. Manchmal erklimme ich einen steilen Hang - und muss oft abrupt stehenbleiben. Vor mir tun sich Abgründe auf und ich muss durchatmen und staunen zugleich. Amüsant sind dagegen wieder mal so einige besondere Felsformationen, in deren Gestalt man erneut Figuren hineininterpretieren kann. War es gestern noch ein gigantisches trinkendes Pferd, so ist es diesmal ein nicht minder gigantischer trinkender Elefant.

 

Nach ca. der halben Strecke stehe ich am kleinen Leuchtturm. Die letzten etwa 200 m bis dorthin führt der Pfad an einer Reihe von in den Boden geschlagenen Pfählen entlang, verbunden durch starke Seile. Früher für den Leuchtturmwärter so etwas wie eine Lebensversicherung. Nicht weit links und rechts vom Pfad fallen die Klippen senkrecht ab, bei dichtem Nebel ein gefährlicher Gang zum Arbeitsplatz. Weit geht der Blick über die St. Magnus Bay, hinüber nach Mainland, nach Eshaness, zu einigen Inseln. Inzwischen haben sich an einigen Stellen etwas mehr Wolken zusammengezogen. An verschieden Orten entladen sich die Wolken mit kleinen Schauern, durch vereinzelte Wolkenlöcher wirft die Sonne wie mit einer riesigen Taschenlampe Sonnenstrahlen hindurch und lässt das Wasser glitzern. Ein tolles Bild!

 

Die Klippen an der Westküste, an denen ich mich auf dem Rückweg nun entlangbewege, bleiben grandios. Immer wieder denke ich mir: Schade, dass die Kinder das nicht noch miterleben konnten, gestern auf Eshaness, jetzt hier. Aber wer kann das vorher alles so wissen und planen. Unterwegs dann, fast wie ein letzter Höhepunkt: Gordi Stack. Nochmal eine fast freistehende Felsnadel, gewaltig in ihren Ausmaßen. Wieder fantasiere ich: Könnte ein Seevogel sein, der seinen Schnabel hoch in den Himmel reckt. Oder sehe ich das nur?

 

Es sind wirklich gute drei Stunden vergangen, als ich wieder zurück in Hillswick bin. Drei Stunden für gerade mal acht Kilometer Weg. Doch stehen und staunen, fotografieren und filmen, durchatmen und pausieren braucht seine Zeit. Jetzt noch Lebensmittelvorräte im kleinen Shop auffrischen, dann an der Straße entlang wieder zurück ins B&B. Au nein! Vorher nochmal zur öffentlichen Toilette unten am ehemaligen Hafen. Als ich sie erreiche, bin ich einigermaßen baff. Die Toilette ist ein kleiner, grauer, mehr als unscheinbarer Bau. Aber die gepflegte Anlage davor ist..., wie soll ich sagen... ungewöhnlich bis kreativ: Die Anlage ist geschmückt mit Kloschüsseln, Waschbecken und Bidets! Hat was!

 

Sieh dir meinen 12,8 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/559120504

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Die Pilgertochter (Samstag, 30 April 2016 23:41)

    Tja... diese Toiletten... Das ist... interessant...