Grandiose Naturkulisse: Eshaness

Braewick - Eshaness Circle (20 km)

Meine erste Handlung nachdem ich meine Knöppe aufmache, ist der Griff zum Handy. Eine Nachricht von den Kindern? Bingo! "Heile und unbekotzt in Aberdeen angekommen und schon im Zug nach Edinburgh! Allet cool, allet easy! Gute Weiterreise, lonesome wulf!" Tse, tse, tse, diese Sprechweise der Jugend...! Aber ich bin ja so froh, dass sie drüben sind!

 

Noch während ich mein letztes Stück vom recht trockenen Baguette mit Marmelade verfrühstücke, versammelt sich draußen auf meiner Veranda eine ganze Armada von Hühnern, unter ihnen ein Riesenkabänes von Hahn, ein regelrechter Kampfhahn. Die Truppe scheint zu wissen, dass um diese Uhrzeit die Leute in den Wigwams frühstücken und erhofft sich wohl das ein oder andere Abfallprodukt. Der Kampfhahn pickt energisch gegen die Glastür, als wolle er sagen: "Hei, Alter, lass mal was rüberwachsen!" Brav fege ich meine Krümel zusammen und werfe sie zu der gackernden Versammlung raus - schließlich will ich ja gleich noch unbeschadet das Grundstück verlassen...

 

Zehn Minuten früher als notwendig stehe ich an der Bushaltestelle. Mit Bus 21 will ich in Richtung Hillswick fahren, bei Upper Urafirth aber bereits aussteigen, meinen Wheelie in meiner Amara B&B lagern und mich dann auf den Weg zum Eshaness Circle machen. Der Bus um 9.47 Uhr ist für heute der letzte, der dort hochfährt, ich möchte ihn ungern verpassen. Der Bus kommt pünktlich, ich bin der einzige Fahrgast, eine junge Frau ist die Fahrerin und wir unterhalten uns nett. Als ich sie bitte, mich auf Mavis Grind aufmerksam zu machen, sagt sie lächelnd: "Alles klar, ich halte dann an und Sie können aussteigen, um sich das mal anzusehen." Ich bin entzückt und nehme sie umgehend in die Liste meiner Sympathieträger auf.

 

Bei Mavis Grind beginnt die Halbinsel Northmavine - die aber eigentlich schon gar keine Halbinsel mehr ist. Nur - geographisch gesehen - Winzigkeiten trennen sie von einer selbstständigen Insel. Ein gerade mal 33 m breiter Isthmus, über den die Straße führt, trennt hier die St. Magnus Bay (Atlantik) vom Sullom Voe (Nordsee). Von Mavis Grind wird gesagt, dass er der einzige Ort Großbritanniens ist, wo man einen Stein von der Nordsee in den Atlantik werfen kann. Heute wechseln hier Otter gerne ihre Jagdgründe (von denen ich übrigens noch keinen gesehen habe, genauso wenig wie Delfine, Seehunde oder gar Wale), früher hätte man hier wahrscheinlich noch anderes beobachten können. Freiwillige aus der Umgebung halfen 1999 einem Forscherteam dabei, den originalgetreuen Nachbau eines Wikingerschiffes mit Menschenkraft über diesen schmalen Isthmus zu transportieren, um nachzuweisen, dass die lieben Hornträger schon seinerzeit diesen Weg gewählt haben, anstatt den viel weiteren und gefährlicheren um die Nordspitze herum. Bis 1950 sogar wurden Fischerboote über den Isthmus gezogen, um schneller die Fischgründe wechseln zu können. 

 

Ich mache mein Foto, steige schnell wieder in den Bus ein und fahre dann einfach mal eben so mit ihm über diese besondere Stelle hinweg. "Welcome to Northmavine" steht in großen Lettern an einer Felswand. Och, wie nett! Die Landschaft, die nun an mir vorüberflitzt, gefällt mir deutlich mehr als die auf Unst oder Yell. Sie ist wesentlich bergiger (na sagen wir: hügeliger), nach links geht mein Blick über die große St. Magnus Bay und den Atlantik hinaus, voraus erhebt sich mit dem weiß überzuckerten Ronas Hill (450 m) der höchste Berg der Shetlands. Verstreute kleine Siedlungen, viele Seen, eine freundlich lächelnde Sonne und Schafe... Schafe... Schafe... runden das schöne Bild ab. Ich fotografiere und filme schon aus dem Bus heraus wie verrückt, wie soll das denn noch werden?

 

Wo die kleine Stichstraße von der Hauptstraße aus nach Upper Urafirth hinaufführt, öffnet mir meine liebe Busfahrerin die Tür, wünscht mir noch schöne Tage auf den Shetlands und ich habe mein erstes Ziel für heute, Almara B&B, fast erreicht. Als ich am Straßenrand stehe und mir den Wheelie anklemme, merke ich plötzlich, dass irgendwas auf den Shetlands heute ganz anders ist: Wo ist der Wind? Der Wind ist weg! Kein Hauch, nichts! Ich höre das Schreien der Seevögel viel lauter, ebenso das Blöken der Schafe. Ich habe das Gefühl, viel zu dick angezogen zu sein, überlege mir jetzt schon, den Anorak auszuziehen. Nun mal nicht übermütig werden, alter Mann, erstmal jetzt hoch zum B&B! 

 

Gesagt - getan! Zehn Minuten später klingel ich an der Haustür meiner Unterkunft für die nächsten zwei Nächte. Nach einem kurzen Moment öffnet mir Marcia Williamson die Tür. "Mr. Wagner!" ruft sie mir strahlend entgegen und ich merke sofort, dass ich hier richtig bin. Ich stelle meinen Wheelie im geräumigen Flur ab, ein kurzer, aber herzlicher Wortwechsel, einige gute Ratschläge für unterwegs, ein fröhliches "Enjoy your day!" von Marcia und ich bin auch schon wieder draußen. Nach dem gestrigen Ruhetag und bei dem heutigen Sonnenschein juckt es mir in den Knochen. Ich will gehen!

 

Schnell stellt sich dieses Gefühl bei mir wieder ein, wenn die Landschaft mich begeistert, mein Blick weit geht, die Sonne scheint und es dabei fast frühlingshaft mild ist: Jetzt könnte ich die Welt mal wieder aus den Angeln heben, neue Ideen, neue Einfälle, schöne Erinnerungen, alles scheint so leicht, so rosig, alles sprießt. Unter meinen Füßen scheinen die Kilometer wieder nur so zu verbrennen. Auch wenn sich die ersten Kilometer des Solo-Wanderns etwas seltsam anfühlen, das kann ich nicht aus der Welt lächeln. Aber wie heißt doch der schöne Spruch: "Nur die Raben fliegen in Schwärmen, der Adler kreist allein."

 

Die Straße hebt und senkt sich vor mir, schwingt in weit gezogenen Kurven eine Anhöhe hinauf, immer wieder werden, oben angekommen, andere Blicke frei. In der St. Magnus Bay ragen eins ums andere Mal besondere Felsformationen aus dem Wasser (eine sieht aus wie das riesige Pferd auf einer Kinderzeichnung, das aus dem Wasser trinkt), kleine Crofter-Häuser stehen irgendwo in den Wiesen oder an kleinen Seen. Die meisten sehen verlassen aus, bei anderen hängt noch die Wäsche an den Leinen. Einige Torfstiche sehen so aus, als wenn heute noch dort Brennmaterial gewonnen wird. Seevögel und verschiedene Wildgänsearten brüten in geschützten Winkeln und bei einem Bauernhof suhlen sich etliche Schweine einer alten Rasse in einem großen, matschigen Geviert.

 

Schneller als ich erwartet habe, taucht am Straßenrand das Schild "Lighthouse / Eshaness Cliffs" vor mir auf und weist mich nach rechts. Eine Viertelstunde später stehe ich vor dem Leuchtturm und damit auch am Klippenrand von Eshaness. Wie schon auf dem Hermaness Circle vor einer Woche, bleibt mir jetzt vor dieser grandiosen Natur erstmal der Mund offen stehen. 

 

Vom Leuchtturm aus, der schon lange automatisiert ist und in dessen Leuchtturmwärterwohnung man seinen Urlaub verbringen kann, geht der Blick weit an der wild zerklüfteten Steilküste entlang. Durch die schwarzen, mehr als bedrohlich wirkenden Felsabfälle wirkt die ganze Szenerie mehr als spektakulär. Das Schwarze sind die geologischen Zeugen des Vulkanismus auf den Shetlands. Lage um Lage schwarzer vulkanischer Asche und Lavaströme sind in den Kliffs erkennbar, deutlich heben sich die weißen Seevögel vor ihnen ab, die hier in wilder Jagd oder in sanftem Gleitflug unterwegs sind oder beim Brüten an den senkrechten Felsen zu kleben scheinen. Und wenn sich dann bei Calder's Geo ein gigantischer schwarzer Spalt in der Küstenlinie auftut, so als wenn irgendein Wikingergott mit seiner Axt reingeschlagen hätte, und an den Rändern Raben sitzen und einen ankrähen, dann wird einem doch etwas anders und man sieht zu, dass man weiterkommt.

 

Staunend gehe ich eine Zeit lang an diesem Naturschauspiel entlang und kann mich kaum sattsehen. Fast bedaure ich in diesen Momenten, für diesen Gang entlang dieser Naturkulisse nicht höhere Windgeschwindigkeiten zu erleben. Denn wenn jetzt schon am Fuße der Klippen der Wellenschlag einen Höllentanz veranstaltet, wie mag das erst bei Stürmen sein!? So wild sich die Landschaft zu meiner Linken aufführt, so ruhig und friedlich sieht es zu meiner Rechten aus. Hügelige Schafsweidenflächen, von Drahtzäunen und Natursteinmauern begrenzt, die ich immer mal wieder über Leitern oder anderen Steighilfen überwinden muss, einige kleine Seen, wo bestimmt einige Fische auf den Angler warten und ein Hof, wo sich nichts regt.

 

Den Abschluss dieses besonderen Wandererlebnisses bildet "Grind o da Navir", ein gewaltiges Tor in einer senkrechten Lavawand. Hier hat die See mit ihrer ungeheuren Gewalt ein riesiges Loch gerissen und kolossale Gesteinsblöcke landeinwärts geschleudert, die sich mittlerweile zu einem regelrechten Damm auftürmen. Kaum vorstellbar, was hier abgehen kann...

 

Von hier aus wende ich mich landeinwärts, steige wieder über Zäune, durchquere etwas mooriges Gelände, erreiche den kleinen Hof und damit einen Zufahrtsweg, der mich nach einer halben Stunde wieder an die Straße bringt. Inzwischen sind doch wieder Wolken aufgezogen und schicken mir leichte Hagelschauer. Seit über vier Stunden bin ich jetzt ohne Pause unterwegs, einen Bus gibt es zu dieser nachmittäglichen Zeit zurück nicht. Also denselben Weg nochmal für zwei Stunden auf der Straße zurück? Nochmal nasse Klamotten kriegen? Wenn's geht - nein! Ich versuche es über den Daumen. Die Shetlands sind ja dafür bekannt, dass das damit ganz gut klappt. Kann aber nur klappen, wenn auch Autos fahren! Von denen ist aber die erste halbe Stunde nichts zu sehen. Dann kommen zwei hintereinander... die fahren vorbei. Dann kommt ein knallroter, verbeulter, dreckiger Rangerover... und hält! Ich kann mich verständlich machen, der Fahrer räumt seinen Beifahrersitz frei und lässt mich einsteigen. Seine Nase ist knallrot, sein Kopf verbeult und seine Klamotten sind dreckig, alles also fein abgestimmt mit seinem Auto. Eine Unterhaltung fällt schwer. Einen Shetlander zu verstehen, ist schon schwierig genug, aber bei einem Shetlander ohne Zähne im Mund ist eine Kommunikation nahezu unmöglich. Ich lächle weitgehend alles ab und bin froh, dass ich nach zehn Minuten aussteigen kann, keine 500 m von Almara B&B entfernt.

 

Marcia öffnet mir wieder genauso strahlend lächelnd wie heute Morgen die Tür. "Hope you enjoyed your day - now relax!" Sie zeigt mir mein Zimmer, ich fühl mich sofort wohl. Jetzt erstmal unter die Dusche! 

 

 

Sieh dir meinen 20,8 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/558286514

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Der Kronprinz (Donnerstag, 28 April 2016 09:44)

    Hammer Fotos!! Pünktlich zur Abreise der andren kommt jetzt auch das schöne Wetter und die Sahne-Landschaft.

  • #2

    Die Pilgertochter (Donnerstag, 28 April 2016 11:21)

    Tja, Dani, das hab ich auch gedacht. Kaum sind wir weg, kommt das Sahnewetter, Sahnelandschaft und dann auch noch Schweine! Das find ich nicht nett! Aber es sei dir gegönnt, Papa!
    Haste denn schwer gelitten, vier Stunden ohne Pause und ohne frisch aufgesetzten Kaffee vom Kocher?