Ein wenig Blizzard

Toft - Brae (16 km)

In der Nacht schlägt ein starker Wind ums Haus. Mir schwant Schlimmes. Trotzdem schlafe ich unaufgeregt weiter. Der Blick morgens aus dem Fenster zeigt mir dann was los war. Die Wiesen und Hügel von West Sandwick sind weiß und immer noch hagelt es weiter. Aber vielleicht sieht ja alles schon ganz anders aus, wenn wir gleich Quam B&B verlassen.

 

Noch bevor sie uns das Full Scottish Breakfast serviert, ruft unsere Gastgeberin Ann den Busfahrer an, der uns gleich oben an der Straße vor dem Haus aufsammeln soll. "Hier auf Yell kennen wir uns alle untereinander, mit einigen bin ich ja sogar verwandt. Und Freddy macht das schon, da brauchen Sie nicht bis zur Bushaltestelle zu laufen." Wäre das auch geklärt! 

 

Als wir uns verabschieden und zur Straße hochgehen, ist die Wetterlage nicht anders als sie wohl in der Nacht war. Es weht gewaltig, Hagelkörner knallen uns ins Gesicht und ich bedanke mich herzlich bei dem Ausrüster meines Hightech-Anoraks für eine gute Ware. Nachdem Ann uns dann noch Flos vergessenen Rucksackregenschutz mit dem Auto zur Straße hochgebracht hat, dauert es nicht mehr lange, bis der Bus neben uns hält. Der Busfahrer, der aussteigt, um uns beim Verstauen meines Wheelies zu helfen, ist niemand anderes als der von unserer Hinfahrt von Lerwick nach Gutcher. Er lacht uns allen fröhlich zu, packt beim Wheelie mit an, wir alle entern den Bus, besetzt mit vielen offensichtlich Einheimischen, und Freddy legt den Gang ein.

 

Zusammen rollen wir auf die Fähre, erhoffen uns während der fünfzehnminütigen Überfahrt durchs Fenster vom Aufenthaltsraum an Bord noch einen Blick auf vorbeiziehende Delfine oder gar Wale zu erhaschen, die hier ohne weiteres vorkommen können, werden aber enttäuscht. Wir sehen nichts anderes als eine wilde See mit jeder Menge Schaumkronen auf den Wellenspitzen.

 

Auf der anderen Seite des Yell Sounds verlassen wir Fähre und Bus und stehen unvermittelt beim Toft Ferry Terminal (jetzt Mainland) im Wind. Noch sind wir guter Dinge. Noch regnet, hagelt oder schneit es nicht. Die ersten Kilometer erleben wir einen gnädigen und starken Rückenwind, der einem fast Flügel verleiht. Aber er ist auch lausig kalt. Die Buffs sind im Einsatz, um die Ohren und um den Mund gelegt, die Kapuzen der Anoraks sind festgezurrt, bei manchem sieht man nur noch Nase und Augen. Die Abstände zwischen uns vergrößern sich, jeder rennt mit einer anderen Schrittlänge vor diesem Wind davon, eine Unterhaltung ist durch die übergezogenen Kapuzen und den heulenden Wind sowieso kaum möglich.

 

Als die zunächst nordsüdliche Straßenführung in Richtung Westen schwenkt, wird es ungleich schwerer. Der Rückenwind wird zu einem bösen Seitenwind, gegen den wir uns mit einiger Anstrengung lehnen müssen. Trotzdem ist das irgendwie mein Wetter. Ich lache und schreie diesem Wind entgegen, mag er mich doch angreifen, mich wirft er nicht um. 

 

Als wir uns dem Meeresarm des Sullom Voe nähern, schickt das Wetter seinen nächsten Kämpfer aus. Dunkle Wolken kriechen plötzlich über die Hügel, weiße Schleier rasen heran und ehe wir uns versehen stehen wir in einem regelrechten Blizzard. Ich weiß, die Menschen in den USA können anderes über Blizzards erzählen, aber ich fand ihn trotzdem schon ganz schön beeindruckend, auch wenn er vielleicht nur zehn Minuten über uns hinwegfegt. Kleinste Hagelkörner knallen uns wie Nadelspitzen ins Gesicht. Waagerechte weiße Striche sehen wir vor uns. Aber was heißt "sehen"? Wir sehen fast nichts, weil wir kaum die Augen aufhalten können. Herrlich!!! Ich renne, ich stampfe vor mich hin, ich schreie dem Blizzard ein "Ich bin Roald Amundsen!" entgegen und habe meinen Spaß. Als ich mich mal umdrehe, stelle ich fest, dass ich einen riesigen Abstand zwischen mich und die anderen gelegt habe.

 

Nach kurzer Zeit ist der Spuk vorbei und schemenhaft tauchen die Ölanlagen von Sullom Voe vor mir auf. Früher gab es an dieser Bucht zwischen North Mainland und der Halbinsel Northmavine einige Fischerei-Niederlassungen. Im Zweiten Weltkrieg wurde eine Basis der Royal Air Force eingerichtet, deren Flugboote sich von hier aus auf die Suche nach deutschen U-Booten machten. Zusätzlich wurde zusätzlich eine Fluglandebahn gebaut. Nach dem Krieg wurden die Basis und die Landebahn kaum noch gebraucht - bis in den frühen 70er-Jahren sich etwas Großes vollzog: Erdöl wurde unter der Nordsee nordöstlich der Shetlands entdeckt. Der beste Weg, es auf die Weltmärkte zu bringen, war, es über Pipelines in einen geschützten Bereich zu pumpen und es dort auf Tanker zu verladen. Sullom Voe war ideal und wurde für zehn Jahre eine der größten Baustellen in Europa mit bis zu 6.000 Beschäftigten. Millionen von Gallonen Öl fließen nun jede Woche von den Ninian und Brent Ölfeldern nach Sullom Voe. Von hier werden sie auf oft bis zu 400 m lange Tanker umgeladen.

 

Weil ich so weit vorgerast bin, halte ich an einer Bushaltestelle, in Erwartung meiner Lieben, denen vielleicht der Sinn nach einer Pause steht. Doch Anni und Niels ziehen als erste an mir vorbei, dann auch Kati und Flo. Ich bin einigermaßen verblüfft, zockel dann aber hinter ihnen her. Immer noch bei starkem Seitenwind marschieren wir nun an den umfangreichen Pieranlagen der Tanker vorbei, an den Wohncontainern der Ölarbeiter und an dem Flugplatz, auf dem diese von zu Hause aus mit zweimotorigen Flugzeugen herangeschafft und mit Hubschraubern zu den Ölplattformen in der Nordsee verbracht werden. Und weil dieses Öl vor nunmehr über 40 Jahren dort gefunden worden ist und diese Männer dort unter außergewöhnlichen Umständen so hart an seiner Förderung arbeiten, haben wir - und erst recht alle Autofahrer - jetzt den Vorteil, die besten Straßen von ganz Schottland nutzen zu können.

 

So hasten wir denn auf einer dieser besten Straßen weiter voran. Ich bin dabei bester Laune, der Rest findet das alles gar nicht mehr so toll. Der Blizzard hat teilweise ihre Kleidung durchnässt, Pausenmöglichkeiten gibt es aus Mangel an Gelegenheiten nicht oder würden das Frieren nur noch verstärken, ich sehe vorne Niels neben Anni etwas herumhampeln, als wolle er sie etwas aufheitern, ich ahne aber irgendwie, dass ihm das nicht gelingt.

 

Die Tatsache, dass unsere Unterkunft am entgegengesetzten Ende des Ortes Brae liegt, trägt auch nicht gerade zur guten Laune bei, wo wir uns doch eigentlich schon am Ziel wähnen. Letztlich nur der Anblick von "Frankie's Fish&Chips"-Laden, preisgekrönt mit mehreren Awards für eine gute Fischküche, z.B. "Best of Scotland 2015", und die Aussicht darauf, heute Abend dort unser letztes gemeinsames Essen einzunehmen, hält die Kinder aufrecht. Ja, unser letztes gemeinsames Essen..., denn dieser 16-Kilometer-Durchmarsch war deren letzter Wandertag auf den Shetlands. Morgen treten sie wieder die Heimreise an. Ich darf gar nicht dran denken.

 

Irgendwann sind wir dann doch endlich in Burravoe, einem kleinen Bauernhof, an dem uns Andrew mit strahlendem Gesicht empfingt. Zusammen mit seiner Frau hat er dieses kleine Crofthouse nach einer Erbschaft renoviert und auf dem Gelände (warum auch immer) über 50 verschiedene Büsche und junge Bäume gepflanzt. Dazwischen laufen nun Unmengen der verschiedensten Hühner und Hähne herum und stehen zwei kleine, hölzerne Hütten ("Wigwams"), die Andrew und seine Frau für Übernachtungen vermieten.

 

Andrew fegt die Hühnerscheiße von der kleinen Veranda, öffnet die Tür und bittet uns hinein. Wir sind begeistert! Es wird zwar eng werden, aber kuschelig. Jetzt erstmal durchatmen, Heizkörper anwerfen, nasse Klamotten vom Körper, zum Trocknen aufhängen, duschen, einen heißen Tee oder Kaffee trinken - die Welt kommt so langsam wieder in Ordnung, auch wenn es mittlerweile im Wigwam so aussieht wie bei Woolworth auf dem Grabbeltisch beim Schlussverkauf.

 

Mich treibt der morgige Tag um. Nicht nur wegen des drohenden Abschieds, sondern auch wegen meiner Wanderplanung. Mein Vorhaben ist eigentlich, morgen früh mit dem Bus in den hohen Norden der Halbinsel Northmavine nach North Roe zu fahren, um von dort aus dann den Sandvoe Circle in Angriff zu nehmen, doch meine Recherchen im Internet hatten bereits ergeben, dass kein Linienbus nachmittags mehr zurückfährt. Ich gehe zum Crofthouse hinüber und Andrew bestätigt meine Befürchtung: "Von North Roe fahren nur morgens Busse, um Leute nach Lerwick oder ins Öl-Terminal nach Sullom Voe zu bringen. Nachmittags geht es dann nur noch wieder nach North Roe zurück und nicht mehr in die andere Richtung. Und bei einem Taxi bist du mit mindestens 50£ dabei!" Ernüchtert lehne ich ab. Da er meine Enttäuschung sieht, macht er mir den Vorschlag, doch gegenüber, auf der Insel Muckle Roe zu wandern, sie sei sehr schön und allemal eine Wanderung wert. Ich lasse mich überzeugen, bedanke mich bei ihm für diesen Tipp und verabschiede mich.

 

Im Wigwam hat man sich inzwischen von den Strapazen erholt und ist bereit zum Abmarsch zu "Frankie's Fish&Chips". Die preisgekrönte Fischmahlzeit fügt dann wieder Leib und Seele zusammen und alles ist wieder gut. Das heißt..., für mich nicht. Der Abschied von den Kindern und die Tatsache, dass ich sie die nächsten zwei Monate nicht sehen werde, nagen an mir, aber ich will es nicht so zeigen.

 

Zurück im Wigwam steigt keine rauschende Abschiedsfete. Noch ein paar Sätze, dann steigt jeder auf seine Matratze. Der Tag war nicht ohne... Draußen auf der Veranda steht im Schneeregen mein Wheelie, ganz allein. Vielleicht ist ihm auch ein wenig zum Heulen zumute.

 

 

Sieh dir meinen 16,9 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/556367367

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Der Kronprinz (Dienstag, 26 April 2016 16:26)

    Tja, die Einsamkeit... Aber du hast es ja so gewollt!

  • #2

    Lore (Dienstag, 26 April 2016 16:32)

    Wenn Du wieder alleine wanderst, hast Du aber immer noch uns, die Leser :-)