Helden und Hilfeschreie

Gutcher - West Sandwick (20 km)

Am Morgen werde ich nicht von einem vorbeirauschenden Verkehr oder einem schnarchenden Mitschläfer geweckt, sondern von den lieben Hausgänsen, die draußen vor meinem Fenster einen Höllenspektakel veranstalten. Aber die Zeit ist genau richtig: 7.15 Uhr. Heute ist etwas früheres Aufstehen und Frühstücken angesagt, denn wir müssen uns von Basti verabschieden, der heute seine Heimreise antritt. Ich ziehe die Gardinen beiseite - und bin ein wenig verblüfft. Draußen jagen Schneeflocken nahezu waagerecht vorbei und die kleine Weide von Sven und Eric, den beiden Hausschafen, ist weiß überzuckert. Obwohl genau dies ja so vorhergesagt war, ist meine erste Reaktion doch ein "Na toll!"

 

Was bisher nie vorgekommen ist: Basti ist bereits fix und fertig, als ich ins Bad gehe. Wahrscheinlich hat ihn das Rückreisefieber gepackt. Möglicherweise trägt er aber auch gewaltige Bedenken gegenüber der Fährfahrt hinüber nach Aberdeen. Wird es ihn wieder so umwerfen? Wer das einmal miterlebt hat, will so eine Erfahrung nicht unbedingt ein zweites Mal machen. Bisher hat er aber noch keine Nachricht bekommen, dass sich der Abfahrttermin wegen widriger Wetterverhältnisse verzögert. Vielleicht wird es ja diesmal gar nicht schlimm.

 

Pete und Anne fahren zum Frühstück schwer auf - Full Scottish Breakfast, das volle Brett! Würstchen, Rühreier, gebratener Schinken, Pilze, Tomaten, Bohnen. Nicht jeder isst seine zwei Würstchen, Tomaten werden gegen Pilze getauscht, Basti stochert etwas herum. Aber das kennt man von ihm, er hätte lieber gegen ein großes Glas Marmelade und ein Schokobrötchen getauscht. Oder denkt er schon an die Fähre und dass es vielleicht gar nicht lohnt, etwas zu sich zu nehmen? 

 

Als wir zu gegebener Zeit aus dem Haus gehen, um uns vor der Tür zu verabschieden, habe ich jedenfalls prompt einen Frosch im Hals. Ich hätte Basti gerne bei uns behalten, einer fehlt jetzt im Rudel. Auf seinem Weg zum Bus schaue ich ihm nach und mein Hals wird immer dicker. Ich mag solche Abschiede immer weniger.

 

Bei unserem Abschied vom Old Post Office kommen Pete und Anne mit vor die Tür. Bei dieser Gelegenheit entschuldigt sich Pete für die etwas ramponiert und schmutzig wirkende alte, typisch englische, rote Telefonzelle vor seinem Haus. Sie sei ein "listed building", also so eine Art von denkmalgeschützt, und niemand würde sich um sie kümmern oder zumindest mal putzen. Ach, Pete, in einer Mußestunde vielleicht selbst mal einen Schwamm nehmen...?!

 

Nach einem Erinnerungsfoto mit Hund machen wir uns auf den Weg... oder besser gesagt auf die Straße. Doch nicht nur Basti ist heute nicht mehr dabei, auch Niels hat sich für die heutige Strecke einen Krankenschein genommen. Sein Knie! ("Lieber heute mal eine Pause, dann wieder Attacke!") Recht hat er ja. Eine Wanderung muss ja nicht zur Bußwallfahrt werden! Also nimmt er gleich den nächsten Bus und wird irgendwann fröhlich winkend an uns vorbeirauschen. 

 

Standen in den letzten Tagen auf Teilstrecken auch mal abwechslungsreiche Küstenpfade und imposante Felsen- und Klippenlandschaften an, so wird es heute den ganzen Tag lang die Hauptverkehrsstraße durchs Hinterland sein, die uns beschäftigt. Ich selbst habe mit solchen Streckenabschnitten null Probleme, fürchte nur, dass es bei den anderen zu kleinen Wanderkollererscheinungen kommen könnte. Doch alle schreiten munter voran, selbst als der Wind wieder ordentlich auffrischt und uns von der Seite ein ordentlicher Hagel-Schneeschauer erwischt. Ich bin jedenfalls froh, heute Morgen meine lange Funktionsunterhose aus dem Wheelie gekramt zu haben. Ich marschiere gutgelaunt einige Schritte voran und höre mit Freude, dass es dem Restrudel offensichtlich gut geht. Sie quatschen und lachen, so hat Papa es gern. 

 

Nach 13 Kilometern machen wir Rast an einer der typischen, immer gleich aussehenden Bushaltestellen irgendwo im Nirgendwo. Die etwa 1x3m große Plexiglaskonstruktion, zur Hälfte auf drei Seiten vom Plexiglas als Windschutz umschlossen, mit einem Sitzbalken und (in diesem Falle) zusätzlich mit einem alten Bürostuhl als Sitzgelegenheit ausgestattet, kommt gerade zur richtigen Zeit. Ein länger anhaltendes Wolkenloch mit einer herausstrahlenden Sonne sorgt für einen minimalen Treibhauseffekt und angenehme Temperaturen, Anni kocht uns zu ihrer eigenen Erbauung und unserer großen Dankbarkeit und Freude heißen Tee bzw. Kaffee - das Leben kann so herrlich sein! Nicht zu verachten ist auch der Umstand, dass ganz in der Nähe drei Autos parken, in deren Sicht- und Windschatten man/frau sich zurückziehen kann, um etwas loszuwerden, was sich unterwegs angestaut hat und seit einiger Zeit bereits nach draußen drängt.

 

Als ein Blick auf meine Karte uns offenbart, dass wir bereits Zweidrittel des heutigen Weges hinter uns haben, wird die Laune noch besser und wir ziehen wieder munter weiter. Wir erfreuen uns immer wieder an den fast unzähligen putzigen Lämmern, die über die kargen Flächen hoppeln oder an ihre Mamas angelehnt Schutz vor dem Wind suchen. Manchmal befinden sich die Pullovertiere hinter Drahtzäunen, oft liegen sie im Straßengraben oder wechseln in aller Seelenruhe von einer Straßenseite auf die andere. Autofahrer scheinen damit hier Erfahrung zu haben, denn sie gehen immer etwas vom Gaspedal, wenn unmittelbar vor ihnen Schafe kreuzen. Immer, vor allem vielleicht nachts, scheint das nicht zu klappen. Traurige Reste sieht man dann im Graben liegen. 

 

Nach kurzer Zeit sehen wir auf einer Anhöhe die Ruine von Windhouse vor uns liegen. Ich hatte gelesen, dass es dort spuken soll. Damit war für Anni natürlich klar, dass wir da rauf müssen. Wir öffnen ein großes Gatter und steigen an einer kleinen Kuhherde, die hinter einem Zaun steht und uns relativ verständnislos nachgafft, vorbei die Anhöhe hinauf. Als wir bei der Ruine ankommen, müssen wir durch ein Warnschild leider feststellen, dass die Ruine wegen Einsturzgefahr nicht zugänglich ist. Etwas enttäuscht drehen wir wieder um - und sehen keine zehn Meter von uns entfernt die gesamte Kuhherde mitten auf dem Weg stehen und uns den Weg versperren. "Kuhherde" war wohl der falsch gewählte Begriff. Bei näherem Hinsehen müssen wir zugestehen, dass es sich wohl um Jungbullen in der Adoleszens handelt, die da etwas lauernd vor uns stehen. Kati zieht sich dezent hinter Anni zurück, Florian zieht sein Handy und beginnt zu filmen und ich stehe erstmal blöd und überlege. Schließlich stoße ich irgendwelche Laute aus, klatsche in die Hände, springe etwas wie Rumpelstilzchen herum - und schaffe es so tatsächlich, dass die Viecher sich, wenn auch sehr zögerlich, auf ihre Weide zurückziehen. Als wahrer Held führe ich die Meinen nun endgültig in Sicherheit und hinter das große Gatter zurück.

 

Wenig später werden zwei andere von uns zu kleinen Helden. Als wir so einträchtig die Straße entlangmarschieren, kommt auf einmal ein Schaf blökend zu uns an den Zaun gelaufen. Von den Shetlandponys, diesen niedlichen Spielzeugpferden, kannten wir das in den letzten Tagen. Bei den Schafen haben wir nur immer ein ausgeprägtes Fluchtverhalten festgestellt und nicht, dass sie einem an den Zaun entgegenlaufen. Im gleichen Moment hören wir ein ganz junges Lamm förmlich schreien und ich erkenne auf einmal ein kleines, weißes Wollknäuel zusammengekauert in einer Erdmulde jenseits des Straßengrabens sitzen, durch den Zaun getrennt von seiner Mutter. Irgendwie scheint es den Weg aus der Umfriedung gefunden zu haben und jetzt kommt es nicht mehr zurück. Wie Hilferufe klingen seine Schreie zu uns herüber. Anni und Flo queren sofort den Graben, arbeiten sich langsam an das Kleine heran und tatsächlich gelingt es Flo, den niedlichen Wollstrumpf zu ergreifen. Schnell legt er Anni das Gerettete für einen kleinen Schmuser in den Arm, Kati darf auch nochmal streicheln und dann legt ihn Anni auf der anderen Seite des Zauns wieder ab. So schnell er kann rennt der Winzling zu seiner Mutter und wird nach längerem Beschnuppern wieder in die kleine Herde aufgenommen. Auf die Aufregung muss er natürlich sofort bei der Mama erstmal "einen trinken". 

 

An vielen Torfstichen vorbei geht es nun auf West Sandwick zu. Je mehr wir uns dieser Ansammlung von Häusern ("Dorf" kann man gar nicht dazu sagen) nähern, desto mehr beginnt es zu schneien. Immer dicker werden die Flocken. Sie klatschen uns von rechts förmlich ins Gesicht, lassen unsere rechte Körperhälfte immer weißer werden. Als es so langsam unangenehm wird, taucht vor uns das Hinweisschild zum Quam B&B auf, unserer Unterkunft für heute. Wir biegen von der Straße ab, gehen die letzten Meter eine Zufahrt hinunter, werden dabei von drei Shetlandponys und einem Hund begrüßt und sind angekommen.

 

Niels begrüßt uns ebenfalls freudig. Am meisten freut er sich natürlich über das Wiedersehen mit seiner Anni. Ach jaaa...

 

 

Sieh dir meinen 19,8 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/554559662

 

 

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 6
  • #1

    Guido (Montag, 25 April 2016 06:35)

    Guten Morgen ihr Lieben! Schade, dass ihr die Ruine nicht betreten durftet, das wären doch mal Eindrücke für unser neues Stück gewesen! :-) Ich hoffe, ihr genießt eure Reise, die Bilder sind jedenfalls einfach toll! Lasst es euch gut gehen, haltet durch und bis bald!
    Viele Grüße Guido

  • #2

    Peter und Lore (Montag, 25 April 2016 10:21)

    1. Es ist natürlich selbstverständlich, dass treue Blogleser das Video von Rumpelstilzchen mal zu sehen bekommen.
    2. Bei so einem Wind und querfegendem Schnee/Regen wäre ja auch so ein Trierer Sparkassengeldautomatvorraum nicht schlecht da auf den Shetlands.

    Grüße aus dem vielleicht ein kleines bisschen besseren Wetter
    Peter und Lore

  • #3

    Dieter Theuer (Montag, 25 April 2016 11:49)

    Weiß nicht, ob Du meine reguläre Mail erhalten hast. Lochhill hat storniert. Habe vorest Stotfield Hotel in Lossiemouth für £55,25 (ca 69€) mit freiem Storno inklusive Frühstück gebucht und suche noch preiswerteres. Weiterhin gut Schluff und möglichst weder Hals-noch Beinbruch!
    Dieter

  • #4

    Renate Z. (Montag, 25 April 2016 14:02)

    Guten Morgen, Ihr Lieben,

    na - da ist ja eine wahre Heldentruppe unterwegs :)
    Wie schön, dass wir davon Filmmaterial zu sehen bekommen werden.... :)
    Und Reinhard - nicht vergessen - das Dudelsackspiel will beizeiten geübt werden, damit es perfekt klingt.

    LG aus Much, da ist es heute auch kalt, aber sicher nicht so dolle wie bei euch.

    Renate

  • #5

    Der Kronprinz (Montag, 25 April 2016 18:32)

    Na, da war ja heute mal alles dabei. Sehr schön!!

  • #6

    Sebastian (Montag, 25 April 2016 22:57)

    Nicht alles! Ich nicht :-D