Wandern heißt auch beißen!

Heroldswick - Belmont Circle - Uyeasound (16 km)

Heute ist Straße angesagt, viiiel Straße. Und Wind ist angesagt, viiiiel Wind. Und der Wind treibt viiiele dunkle Wolken heran. Wir marschieren los und hoffen, dass uns nicht zuuu viiiel Regen erwischt. Denn vor ihm gäbe es kein Entrinnen. Kein Schirm würde uns bei dem Wind helfen, wegfliegen würde er, weit weg. Und da der Regen bei diesem Wind waagrecht kommt, wäre man sowieso ab Oberschenkel abwärts nass. Wir sind uns alle einig, wenn es regnen sollte, bringen wir die Schirme erst gar nicht in Einsatz. Außerdem haben wir die Erfahrung gemacht, dass sich das Wetter nach kurzer Zeit ändert. Daher lassen wir auch unsere Regenhosen in den Rucksäcken. Wenn unsere Wanderhosen nass sind, werden anschließend Wind und Sonne sie auch wieder schnell trocknen. Wir halten es ebenso wie die Hausfrauen der Shetlands. Sie hängen draußen ihr Wäsche auf und lassen sie auch hängen, wenn es regnet. Wind und Sonne werden es schon wieder richten.

 

Bei einer uns endlos erscheinenden Steigungsstrecke geht es dann auch los. Es beginnt zu regnen, es beginnt zu hageln, wir stemmen uns gegen den Wind, Böen schubsen uns mal nach rechts, mal nach links. Obenherum schützen uns unsere Hightech-Anoraks, die Hosen sind schnell ziemlich durch. Der Schirm meiner Kapuze hält den Regen kaum von meiner Brille fern und bald sehe ich alles verschwommen. Dazu eine gefühlte Kälte, die fast um den Gefrierpunkt liegen dürfte. Jeder stampft in seinem Tempo die Steigung hoch, die Abstände zwischen uns vergrößern sich.

 

Nach einer halben Stunde ist der Regen- und Hagelspuk tatsächlich vorüber, es tun sich wieder blaue Lücken in den Wolken auf, zwischen denen ab und zu die Sonne hervorblitzt. Nach einer weiteren halben Stunde sind Anorak und Hose wahrhaftig wieder trocken und ich kann auch wieder was durch die Brille sehen. Nur die Straße ist noch lange nicht zu Ende. Sie ziiieeeht sich und ziiieeht sich, und da die Landschaft in dieser Phase auch nicht vor Abwechslung strotzt, wird dieser Abschnitt später wohl nicht zu den Highlights unserer Shetland-Wanderung gezählt werden.

 

Gegen Mittag kommen wir nach zwölf Kilometern zum kleinen Gardiesfauld Hostel in Uyeasound. Da wir es bei Sonnenschein erreichen, es in schöner Lage direkt am Wasser liegt und ein kleiner Wintergarten einen wunderschönen Blick auf die Uyeasound-Bucht eröffnet, ist die Laune bei allen direkt wieder besser. Ich bin allerdings sicher, dass in diesem Moment die meisten den heutigen Wandertag damit auch am liebsten beschließen würden. Von wegen!

 

Ich habe den Belmont Circle geplant und der wird jetzt auch gegangen! Immerhin können wir unser gesamtes Gepäck im Hostel lassen, also eine Tour unter sehr erleichterten Bedingungen. Dennoch geht Niels mit etwas Bedenken in die Verlängerung. Sein Knie, seit einigen Jahren schon seine Schwachstelle, bereitet ihm Probleme, aber aufgeben... geht gaaar nicht! Wieder gehen wir auf der Straße weiter, die einmal der Länge nach durch ganz Unst führt, und nähern uns der Fähranlegestelle von Belmont, wo der Belmont Circle seinen Anfang nimmt. Nach einem Blick auf meine Karte empfehle ich Niels, eine Abkürzung zu nehmen, um sein Knie zu schonen. Er will erst nicht so recht, will beim Rudel bleiben, dann siegt aber die Vernunft. Wir vereinbaren für unterwegs einen Treffpunkt und unsere Wege trennen sich. Anni geht natürlich aus Solidarität (und Liebe) mit ihm.

 

Der Breckon Circle ist ein schöner Rundweg, zunächst nah am Küstenstreifen entlang, dann durchs Landesinnere. Es ist kaum zu schaffen, mal nicht in die Hinterlassenschaften von Schafen und Kaninchen zu treten. Muscheln liegen überall herum, die von stürmischen Winden oder von Seevögeln an Land geworfen worden sind, teilweise sumpfiges Gelände macht es immer notwendig, genau zu schauen, wo man hintritt, wieder geht es durch Gatter hindurch und wo es sie nicht gibt, klettern wir vorsichtig über Schafszäune mit einem obersten Strang aus Stacheldraht. Wir kommen an kleinen Lochs und Ruinen von ehemaligen Häusern und Schafsställen vorbei, die sich je nach Lage recht stimmungsvoll in der Landschaft ausmachen. Irgendwann tauchen auf einmal auch Anni und Niels hinter uns auf und das Rudel ist wieder komplett. 

 

Obwohl der gesamte Rundweg so gut wie nicht (mehr) markiert ist, finden wir uns dank Karte, Handynavis und etwas Orientierungssinn ganz gut zurecht und sehen in der Ferne bald die Ruine der vollkommen einsam gelegenen und uralten St. Olafs Church mitsamt seinem kleinen Friedhof vor uns. Als wir dort ankommen, stellen wir zu unserer Verwunderung fest, dass die Kirchenruine zwar baufällig und deshalb abgesperrt ist, auf dem Friedhof allerdings bis in jüngster Zeit Tote ihre letzte und wahrhaft friedliche Ruhestätte gefunden haben. Aus welchem Einzugsgebiet werden hier noch die Toten beerdigt? 

 

Von der St. Olafs Church aus folgen wir nun wieder einer schmalen Straße, die uns wieder zurück auf die Hauptdurchgangsstraße bringt. Spätestens hier kommen so einige meiner Mitwanderer allmählich an ihre Grenzen. Jetzt schon war es ein langer Wandertag und immer noch liegen ein paar nervige Straßenkilometer vor uns. Jetzt heißt es beißen! Vor allem bei Basti sind plötzlich ein paar Muskeln zu kurz und ein eingelegter Schongang lässt ihn erst recht verkrampfen. So wird er auf den letzten drei Kilometern immer langsamer und seine Gesichtszüge werden verspannter.

 

Doch irgendwann haben er, wie auch wir anderen, es dann doch geschafft. Ich bin sehr stolz auf meine Truppe! Anni und Flo sind ja in der Vergangenheit schon so einige Kilometer mit mir gegangen, sie wussten, worauf sie sich einließen. Aber meine Wandernovizen haben auch durchgehalten, ohne lautes Stöhnen, ohne mit Gejammer und schlechter Laune die Moral der Truppe zu versauen. Meinen großen Respekt an Kati, Niels und Basti! Und dennoch hängen abends im Wintergarten alle in den Seilen. Doch der Blick durch die Fenster auf die Bucht von Uyeasound, über der es nun langsam dunkel wird, entschädigt ein wenig für die abgeleisteten Mühen. 

 

Sieh dir meinen 27,8 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/552525729

 

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Kommentare: 5
  • #1

    Wolfgang Joest (Samstag, 23 April 2016 10:07)

    Mein Respekt vor dieser fordernden Wanderung unter diesen Bedingungen!

  • #2

    Peter und Lore (Samstag, 23 April 2016 11:55)

    Von den Aufzeichnungen über strava bzw. von Euren Leistungen, vor allem von der Bewältigung enormer Höhenunterschiede sind wir mehr als beeindruckt.
    Euren Kalorienverbrauch haben wir auch zur Kenntnis genommen.

    Grüße an alle von Peter und Lore

  • #3

    Monika (Samstag, 23 April 2016 23:01)

    Hallo ihr Wanderer,
    Es macht wieder richtig Spaß, von euren Erlebnissen zu lesen. Wir wünschen euch, dass ihr auch die kommenden Etappen gut übersteht und viele neue Eindrücke sammelt, an denen wir dann über den Blog teilnehmen können.
    Liebe Grüße Kurt und Monika

  • #4

    Dieter Theuer (Sonntag, 24 April 2016 10:10)

    Da bin ich als Neuwanderer doch recht froh, dass ich das Schottenwetter erst ab Inverness geniessen darf.
    Kleine Aufheiterung gefällig? "Guten Tag, Frau Regenwurm, wo ist denn Ihr Mann? Ja, der ist beim Angeln!"
    Weiterhin viel Aprilwetterspaß
    Dieter

  • #5

    Der Kronprinz (Montag, 25 April 2016 18:13)

    Auweia!! Also alle außer Papa tun mir leid...