Nettes Post Office

Breckon Circle (17 km)

Schon gestern Abend hatten wir geklärt, dass uns am Morgen ein Kleinbus am Gardiesfauld Hostel abholt, um uns an den Pier der Belmont Ferry zu bringen. Den Weg vom Hostel bis dorthin sind wir gestern bereits gegangen, das brauchen wir heute nicht nochmal. Während wir vor der Tür auf den Bus warten, werde ich ein wenig nervös. Wenn er sich zu sehr verspätet, bekommen wir die Fähre nach Yell nicht mehr und dort soll heute gewandert werden. Schließlich kommt er doch noch ausreichend früh genug und wir schaffen die Fähre. Wir schaffen sie sogar zusammen mit dem Bus, denn wir können mit dem Fahrer eine weitere Vereinbarung treffen. Er setzt sogar zusammen mit uns mit der Fähre über, lässt uns kurz hinter dem Pier von Gutcher, dem nördlichen kleinen Fährhafen von Yell, bei unserer Unterkunft für heute, dem B&B Old Post Office, raus, damit wir unser Gepäck abladen können und fährt uns dann im Anschluss direkt hoch nach Breckon, dem Startpunkt unseres heutigen Rundwegs, dem Breckon Circle.

 

Das Wetter ist heute direkt ungewohnt: kein starker Wind, sondern eher eine säuselnde Brise. Aber kalt ist es. Für das Wochenende ist arktische Kaltluft mit Schnee vorhergesagt. Die arktische Kaltluft haben wir schon mal, aber auch immer wieder mal Sonnenschein. Mit beidem von Petrus versorgt geht es also auf den Breckon Circle. Wir können uns Zeit lassen, denn erst um 16.40 Uhr fährt ein Bus von Callivoe, dem Ziel unserer heutigen Tour, zurück nach Gutcher. Es wird also eher ein ausgedehnter Spaziergang als eine Wanderung.

 

Über acht Kilometer geht es nun an schroffen Felsenküsten entlang und an Klippen, in denen Eissturmvögel (Fulmars) brüten. Sie hocken nicht so eng wie die Basstölpel zusammen, sondern etwas verstreuter in holder Pärchenzweisamkeit. Bald nach den Klippen führt uns der markierte Pfad auf einen malerischen Strand, Breckon Sands, mit seinen hohen Dünen. Nichts ist los an diesem Strand, kein Mensch ist außer uns hier, nur die Wellen rollen unaufhörlich auf den Sand. Vom Strand geht es wieder hinauf auf die Wiesenflächen, wir übersteigen Schafszäune, öffnen Gatter und schließen sie auch wieder brav. Oft bleiben wir stehen und schauen auf den Atlantik hinaus. Basti wählt oft eine andere Variante: Er wirft sich einfach flach auf den Boden und schaut in den Himmel. Das ist seine Art von Entspannung. 

 

Schließlich weisen uns die Markierungen eine Anhöhe hinauf, auf deren Spitze wir ein kleines Gebäude erkennen können. Als wir oben sind, erschrecke ich etwas. Hinter den Fenstern sitzt ein Mann und schaut aufs Meer hinaus, vor ihm auf einer Ablage eine große Signallampe, ein Fernglas, ein Schreibblock und ein Stift. Nein... Moment mal... das ist gar kein Mann... das ist eine große Puppe! Was soll sie dem Wanderer sagen? Irgendwann, wir sind nach einer kleinen Rast bei diesem merkwürdigen Gebäude schon wieder unterwegs, fällt mir eine Erklärung dazu ein: Während eines Sturms im Sommer 1881 fanden 58 Männer aus dem nahegelegenen Ort Gloup, die mit ihren Fischerbooten auf hoher See waren, den Tod. Die gesamte männliche Population der Umgebung war ausgelöscht. 34 Witwen und 85 Kinder blieben allein zurück. Eine fürchterliche Tragödie. Saßen in diesem Häuschen oben auf dem höchsten Punkt nahe der Küste früher Männer, die hinausschauten, um nach den Booten zu sehen, um vielleicht den Frauen Bescheid zu geben, wenn ihre Männer nach einem Fang wieder den Hafen anliefen? Gaben sie Lichtzeichen, um den Fischern bei schlechten Sichtverhältnissen wieder den Weg in den heimatlichen Hafen zu weisen? Musste einer dieser Beobachtungsposten damals den Frauen mitteilen, was er Schreckliches beobachtet hatte? Ich möchte mir diesen Tag in Gloup nicht vorstellen.

 

Von Gloup aus entfernen wir uns vom unmittelbaren Küstenbereich und gehen auf einer kleinen Straße wieder zurück nach Breckon und von dort noch zwei Kilometer weiter bis nach Callivoe. Hier ergibt sich die Möglichkeit, unsere Lebensmittelvorräte wieder aufzufrischen. Das Wo und Was und Wieviel bei der Vorratsbeschaffung muss immer sehr genau überlegt sein, denn die Lebensmittelläden sind auf den Shetlands, zumindest auf den nördlichen Inseln, sehr dünn gesät. Auf ganz Unst gibt es z.B. nur einen Laden, in Baltasound, hier auf Yell sind es zwar fünf, aber nur der hier in Callivoe liegt für uns in erreichbarer Nähe. Also nochmal etwas Brot, Käse, Wurst, Süßigkeiten (jawohl, muss auch sein!), einen kleinen Kuchen (jawoll, auch!) und einen Fertigsalat zum Sofortverzehr vor der Ladentür. 

 

So! Wanderung abgeschlossen, Einkauf erledigt, der Blick auf die Uhr sagt uns: Bis zur Abfahrt des Busses zurück nach Gutcher sind es noch über zwei Stunden. Es ist kalt, bis Gutcher sind es fünf bis sechs Kilometer. Ich entscheide für mich, nicht weiter in diesem kleinen Nest von Cullivoe rumzuhängen, sondern bis Gutcher durchzulaufen. Basti, Flo und Kati können sich nicht sofort dazu durchringen und bleiben noch auf der Holzbank vor dem Laden sitzen, Anni und Niels schließen sich mir an. Nach einer weiteren Stunde sind wir im Old Post Office. Zehn Minuten später trudeln die andern Drei ein, sie haben sich dann doch noch auf den Weg gemacht.

 

Anne und Pete, unsere Gastgeber, begrüßen uns überaus freundlich. Dieser Umstand übertüncht etwas die Tatsache, dass die Zimmer etwas "special" sind. Zunächst sind alle anfangs ungeheizt, also schon allein in dieser Hinsicht nicht gerade behaglich. Die Einzelzimmer von Basti und mir sind mehr als eng geschnitten, das jeweilige Bett nimmt fast den gesamten Raum ein. Von der Größe her also eher Besenkammern. Flos und Katis Zimmer ist der eigentliche Wohnraum eines Appartements, dessen dazugehöriger Schlafraum jetzt Annis und Niels' Zimmer ist. Damit ist Katis und Flos Raum also ein Durchgangszimmer. Außerdem wurden dort die Couch ausgezogen und mit einer zusätzlichen Matratze versehen und die anderen Möbel aus Platzgründen zusammengeschoben. Es sieht hier also etwas so aus wie in einem Caritas-Möbellager. Aber wie gesagt, Anne und Pete, ein älteres englisches Ehepaar, das es irgendwann mal auf die Shetlands verschlagen hat, sind überaus nett und zuvorkommend. Und ich sehe das bei den Unterkünften ja sowieso nicht so eng. Anne und Pete sind aber nicht die einzigen Netten beim Old Post Office: Es gibt drei nette Hunde und eine nette Katze, auf der Wiese neben dem Haus zwei nette Schafe, Eric und Sven, und eine Schar netter Riesengänse vor dem Haus, die Niels mit ihrem lauten Geschrei und einem Anflug von Angriff einen Riesenschreck versetzt, als er nochmal kurz zur Tür raus will und er diese darob blitzschnell wieder zuschlägt. Von diesem Moment an laufen die Gänse draußen Patrouille und haben Niels durch das Fenster fest im Blick. Wie nett...!

 

Nach einem leckeren Abendessen, liebevoll serviert von Anne und Pete, verkriechen wir uns alle recht bald in etwas klamme Betten. Nachts hören Flo und Kati außer den tippelnden Schritten der Hunde im Stockwerk über ihnen noch weitere Geräusche, die sie vermuten lassen, dass es im Haus, wenn nicht sogar in ihrem Zimmer, noch andere Tierchen gibt, die Kati wahrscheinlich gar nicht nett findet. Aber um die kümmert sich ja vielleicht bald die nette Katze.

 

Sieh dir meinen 19,8 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/554559662

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Renate (Sonntag, 24 April 2016 11:11)

    einsame Rundtouren mit atemberaubenden Ausblicken :-))
    danach Abenteuer Übernachtung mit unbekannten Gästen ;-((

  • #2

    Der Kronprinz (Montag, 25 April 2016 18:21)

    Tippelnde Geräusche des nachts dürften wir aus Helpenstell ja alle gewohnt sein.