Kleine, niedliche Clowns

Hermaness Circle - Heroldswick (20 km)

Als ich morgens die Gardinen beiseite schiebe, sehe ich dunkle, graue Wolken und eine feuchte Veranda. Weniger schön für einen ersten Wandertag, denke ich mir. Aber es könnte ja auch regnen. Also Nerven bewahren, man sagt ja, dass sich das Wetter auf den Shetlands alle Viertelstunde ändert. Gefrühstückt wird bei Kati und Flo im Zimmer. Hocker und kleine Sessel müssen aus den anderen Zimmern mitgebracht werden, ebenfalls die Tassen. Während wir uns Marmelade, Leberwurst und Camembert auf Toast und Vollkornbrot schmieren, wird Rat gehalten. Ich schlage vor, sich nach einem Transport nach Hermaness (Bus oder Taxi)zu erkundigen, denn der ganze Weg nach Hermaness hin und zurück und der Rundweg im dortigen Naturschutzgebiet, scheint mir für den ersten Tag, und vor allem für unsere Wanderanfänger Basti und Kati, etwas happig. Nach der Rezeption erhalten wir nach dem Frühstück die Information, dass möglicherweise bei der "garage" was zu machen sei. Und wenn nicht, dann nicht!

 

Mit leichtem Gepäck starten wir. Verpflegung, Regenhosen, Regenschirme - mehr brauchen wir heute nicht. Auf dem Weg zur "garage" kommen wir an einer der größten "Sehenswürdigkeiten" der Shetlands vorbei: Bobby's Bus Station. Ganz einsam steht sie da außerhalb des Ortes, ein kleines Buswartehäuschen, kleiner als das in Helpenstell für die Schulbuskinder. Seinen Namen, seine Attraktivität und seinen hohen Bekanntheitsgrad hat dieses kleine Bushäuschen eben solch einem Schulbuskind zu verdanken.

 

Vor einigen Jahren wurde der Vorgängerbau wegen Altersschwäche abgerissen und zunächst kein neuer errichtet. Künftig mussten die Schulkinder dort bei Wind und Wetter ungeschützt auf den Bus warten. Völlig abgenervt darüber verfasste daraufhin der kleine Bobby ein Schreiben an die zuständigen Stellen, bei der er sich über die Verhältnisse beschwert und ein neues Wartehäuschen einfordert. Und das Wunder geschieht! Tatsächlich wird eine neue Bushaltestelle gebaut. Aber nicht nur das. Bald beginnen Leute im Dorf sie mit einem Sofa, mit einem Teppich und einem Tisch auszustatten, Gardinen und bunte Bilder kommen hinzu, Bücher werden ausgelegt, irgendwann stehen sogar eine Mikrowelle, ein Fernseher und ein Computer da (natürlich ohne Strom und nur zu Dekozwecken). Zur Weihnachtszeit wird sie festlich mit Lichterketten geschmückt und jedes Jahr steht der Schmuck unter einem neuen Motto (z.B. Thronjubiläum der Queen, Farbe Pink, Nelson Mandela). Für dieses Jahr hat man sich wohl das Thema "Reisen" ausgedacht, denn eine Weltkarte und Poster hängen an den Wänden, in der Ecke steht ein Bücherregal mit vielen Reisebüchern und draußen im Freien sitzt ein großer künstlicher Papageientaucher. Wir erfreuen uns an diesem Häuschen und tragen uns in das ausliegende Gästebuch ein.

 

Bei der "garage" haben wir Erfolg. Der Chef hinter der Theke des dazugehörigen Shops verspricht uns, in 10 Minuten mit einem Kleinbus bereitzustehen, und nicht nur das, wir klären jetzt schon, was wir nach unserer Hermaness-Wanderung alles an Lebensmitteln einkaufen wollen, u.a. ein paar Flaschen der verschiedensten Sorten von Schottlands nördlichster Brauerei "Valhalla Brewerie".

 

Einmal ins Büsschen eingestiegen, sind wir auch schon bald am Startpunkt des Hermaness Circle, einer etwa acht Kilometer langen Rundtour am nördlichsten Zipfel der Shetlands und damit auch Großbritanniens. Am Anfang führt der Weg über einen langen Bohlenweg an den Klippenrand, und als wir dort ankommen, halten wir nahezu den Atem an. Steil fallen die Klippen ab und vor uns erstreckt sich der Atlantik. Genau in diesem Moment hat die Sonne die schweren Wolken vertrieben, der Himmel ist blau und in derselben Farbe schimmert demzufolge das Wasser. Schafe spazieren überall herum, für meinen Geschmack viel zu nah an der Abbruchkante. 

 

Und dann kommt der Moment, auf den die meisten Shetlandurlauber große Hoffnungen setzen: Nur wenige Schritte von uns entfernt entdecken wir die ersten putzigen Puffins, uns eher bekannt als Papageientaucher. Sie hocken vor ihren Bauen, alleine, zu zweit oder in Gruppen, stolzieren in ihrem Watschelgang umeinander herum, schnäbeln miteinander, schlagen aufgeregt mit den Flügeln oder fliegen mal kurz für eine Runde davon. Manchen von ihnen nähern wir uns auf drei Meter, was sie aber überhaupt nicht zu stören scheint. Wir können uns an diesen kleinen Clowns gar nicht sattsehen und meine Kamera und die Handys der jungen Leute laufen förmlich heiß vom Fotografieren. Eine lange Strecke begleitet uns auf unserem Weg diese größte Papageientaucherkolonie Großbritanniens und sorgt für viel Kurzweil. 

 

Immer nahe am Klippenrand gehen wir weiter, haben weichen, teils moorigen Wiesenboden unter den Füßen, der uns das Gefühl gibt, als wären wir auf einem flauschigen Teppich unterwegs. Wandergenuss pur! Ein weiteres Highlight sind die großen Kolonien der Basstölpel (Gannets). Diese Seevögel sind dafür bekannt, dass sie wie keine andere Art ganz eng, praktisch "in Tuchfühlung", nebeneinander brüten. Sie kleben dann förmlich wie eine weiße Masse an den steil abfallenden Felsen und man kann sich nur wundern, dass sie sich dort samt ihrem Gelege überhaupt halten können. Oft brüten sie auch auf vorgelagerten Felsformationen, dann sehen diese wegen der weißen Farbe der Vögel und aufgrund der weißen Ausscheidungen aus wie Zuckerhüte. Besonders schön sehen wir solche Gebilde von Brutkolonien vor uns, als wir uns der Spitze von Hermaness nähern und vor uns Muckle Flugga, die Felsengruppe mit dem nördlichsten Leuchtturm Großbritanniens, erblicken. Weiß sind die Felsen überzogen mit Tausenden von Basstölpeln und über ihnen fliegen nochmal Hunderte von ihnen mit lautem Geschrei in der Luft herum.

 

Den Rückweg von diesem nördlichsten Punkt unserer Wanderung nehmen wir über den Hermaness Hill, einem Berg mit weiten Hochmoorbereichen. Hier brüten gerade die Raubmöwen (Skuas) und wir sind gut beraten, nicht von unserem Pfad abzuweichen. Wer ihrem Bodengelege zu nahe kommt, der hat mit Scheinangriffen dieser großen Vögel zu rechnen, die einem Angst machen können. Ich habe dies selbst schon mal erlebt. Zwei von ihnen erheben sich auch ganz in unserer Nähe in die Luft und haben uns wohl fest im Auge. Sie fliegen mit Abstand über uns hinweg - eine erste Warnung. 

 

Auf dem richtigen Pfad zu bleiben fällt uns gar nicht so leicht. Sehr oft ist er gar nicht zu erkennen und manchmal stehen wir in kleinen Sackgassen, bei denen dann nur ein großer Sprung über sumpfige Stellen hinweghilft. Am hilfreichsten ist es, kleine Holzbrücken zu finden und fest im Auge zu behalten, sie helfen, auf dem rechten Weg zu bleiben.

 

Nach drei Stunden ist der Hermaness Circle von uns abgewandert, aber unsere Tageswanderung für heute noch nicht beendet. Über weitere etwa 10 Kilometer geht es nun über schmale Straßen (Single Track Roads) wieder zurück Richtung Baltasound. An der "garage" halten wir wieder, kaufen unsere Lebensmittel ein und vergessen natürlich nicht unsere fünf Flaschen Bier aus dem Angebot der Valhalla Brewerie. 

 

Zurück im Baltasound Hotel kehrt schnell Müdigkeit ein. Die abendliche Nahrungsaufnahme erfolgt wieder aus dem eigenen Kochtopf (bei Anni und Niels) oder durch das vorbestellte Essen in der Bar (für Flo, Kati, Basti und mich), und nun kommt zur Wandermüdigkeit auch noch die Verdauungsmüdigkeit. Das Bier-Tasting wird irgendwie recht zügig abgewickelt. Die Produkte der Valhalla Brewerie überzeugen uns nicht völlig, aber wir haben jedenfalls guten Willen gezeigt und etwas Einheimisches ausprobiert. Doch eins steht fest: Ein gutes Kölsch schmeckt uns besser - und ist wohl auch billiger!

 

Sieh dir meinen 20,9 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/551355944

 

 

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Der Kronprince (Freitag, 22 April 2016 10:14)

    Na, das hört sich doch mal nach einem sehr gelungenen ersten Wandertag an! Hoffe es läuft so weiter...
    Leider ist das Beatles-Nachstell-Foto nicht wirklich gelungen. Papa hätte das andere Bein vorne haben müssen.

  • #2

    Peter (Freitag, 22 April 2016 21:28)

    Hallo Familie Wagner,danke für die tollen Bilder und auch für die sehr schönen Berichte
    des Wanderführers.Man ist so gut wie unter Euch.Nur auf die Schiffsreise muss man verzichten.
    Leider oder Gott sei Dank?
    Eine gute Zeit Euch allen
    Peter