Harter Kampf an Bord

Fähre nach Lerwick / Anreise Lerwick - Heroldswick

Die Nacht war gar nicht so richtig lustig. Mir fehlen ein paar Stunden Schlaf. In der Nacht liege ich kaum in meinem Kabinenbett, als es langsam beginnt. Während Basti in der Koje über mir bereits fest schläft (er hat also Erfolg mit seiner Taktik), merke ich von Minute zu Minute mehr, wie die Fähre ins Rollen gerät. Je weiter sie sich von Aberdeen entfernt, desto mehr beginnen die Wellen mit ihr zu spielen. Sie hebt und senkt sich nach vorne und hinten, nach links und rechts. Misstrauisch höre ich in mich hinein, ob sich eventuell aufkeimende Übelkeit breitmacht, doch glücklicherweise rührt sich nichts. Jetzt nur schnell schlafen, sage ich mir, bei Basti hat das ja auch geklappt. 

 

Tatsächlich gelingt es mir, wenn auch nur für zwei Stunden. Der Rest der Nacht ist ein beständiger Wechsel zwischen dem Gefühl einer tosenden Achterbahnfahrt, dem zwanghaften Versuch, immer wieder ganz schnell einzuschlafen und einem darauffolgenden kurzen Nickerchen. Der obligatorische Gang zur drei Meter entfernten Toilette gleicht dem Heimweg von einem Riesenbesäufnis. Ich stoße links und rechts an die Kabinenwände, verliere den Halt unter meinen Füßen, wenn die Fähre sich mal wieder auf den Weg von einem Wellenberg in ein tiefes Wellental macht und knalle ungewollt und mit Schmackes auf die Toilettenbrille. Es ist irgendwie ein rauschhafter Zustand, nur ohne konsumierte Drogen. Immer wieder denke ich, jetzt müsse die Übelkeit doch einsetzen, doch in dieser Hinsicht bleibt alles ruhig. Basti über mir gibt keinen Ton von sich, auch bei ihm scheint alles gutzugehen.

 

Als die Fähre mal wieder mit einem lauten Knall aufs Wasser klatscht und ich dadurch erneut - trotz Ohrenstöpsel - aus dem Schlaf hochfahre, habe ich es satt und schaue auf meine Handyuhr. 7.45 Uhr! Da es kein Kabinenfenster gibt, habe ich noch gar nicht mit dieser Uhrzeit gerechnet. Umso erleichterter bin ich. Endlich kann ich aufstehen. Als ich zum Anziehen eine kleine Lampe anmache, rührt sich auch Basti und riskiert ein Auge in meine Richtung. Auf meine Frage, wie es ihm gehe, kommt ein kurzes "Ganz gut!", aber ich möge doch bitte wieder das Licht ausmachen. Ich ziehe mich schnell an, lösche wieder das Licht und verlasse die Kabine. 

 

Fürchterlich hin und her schwankend stolpere ich den langen Kabinengang entlang und erreiche nach einiger Zeit mit Mühe das Schnellrestaurant, wo gerade dem einzigen Frühstücksgast ein Teller mit Rührei vom Buffet über den Tablettrand rutscht und auf den Boden knallt. Ich pruste fast los vor Lachen, kann mich aber noch zurückhalten und verschwinde durch zwei Türen aufs Raucherdeck an die frische Luft. Diese ist, wahrscheinlich weil die Raucher alle noch schlafen, mehr als frisch. Der Sturm pfeift, die Wellen türmen sich und ich halte mich in respektvollem Abstand zur Reling. Bis zu den Shetlands sind es noch gute drei Stunden und dieses Auf und Nieder der Wellen hört nicht auf. 

 

Eine halbe Stunde nachdem ich Basti verlassen habe, bin ich wieder zurück in der Kabine. Er ist mittlerweile aus seiner oberen Koje in meiner unteren gelandet - und möchte im Moment eigentlich nur noch sterben. Eine Tüte samt Inhalt steht neben dem Bett und im Verlauf der nächsten halben Stunde sollen noch zwei weitere hinzukommen. Der arme Junge ist vollkommen durch, unfähig sich groß zu bewegen, geschweige denn aufzustehen. Schüttelfrost durchzieht ihn, sein Gesicht gleicht einem Kalkeimer mit Dreitagebart, Schweißtropfen stehen ihm auf der Stirn - ich habe ihn seit Kindertagen nicht mehr so elend gesehen. Ein Frühstück verbietet er sich. Auch bei Kati stellt sich dazu nicht der richtige Appetit ein, als wir gegen 9.30 Uhr - ohne Basti - am Tisch im Schnellrestaurant sitzen und unsere Morgenmahlzeit einnehmen. 

 

Eine Stunde später kommen die Shetlands in Sicht. Die See wird ruhiger, immer mehr lässt sich die Sonne blicken und langsam aber stetig nähern wir uns dem Hafen von Lerwick. Endlich kehren auch bei Basti die Lebensgeister zurück, und als er mit uns allen kurz nach 11 Uhr von Bord geht, sind wir gemeinsam um eine besondere Erfahrung reicher.

 

Die Viking Bus Station von Lerwick, von wo aus uns ein Bus etwa drei Stunden später weiter nach Norden bringen soll, liegt etwa 500 m vom Northlink Ferries - Terminal entfernt und immer noch leicht schwankend (ein ulkiges Gefühl) erreichen wir sie bald. Doch was macht man mit fast drei Stunden Wartezeit? Die Antwort ist schnell gefunden. Ganz in der Nähe der Busstation liegt das Shetlandmuseum nebst Café. Passt! Der Eintritt ist kostenlos, das Museum interessant und lehrreich und die leichte kleine Mahlzeit im Café kommt genau zur richtigen Zeit. 

 

Um 14.35 Uhr verlässt der Bus Nr. 24 mit uns die Viking Bus Station in Lerwick und beginnt seine Fahrt Richtung "Northern Isles". Je weiter wir Lerwick hinter uns lassen, desto geringer wird der Verkehr auf den Straßen. Baumlose Hügel kommen in den Blick, sumpfige Niederungen, teilweise mit Torfabstichen, kleine graue Häuser und Höfe, Ruinen und Hütten und Schafe... Schafe... Schafe... Sie weiden oder ruhen weit in der Ferne in den Mooren oder auf den Wiesen oder auch direkt am Straßenrand. Weite Blicke auf Seen und Buchten tun sich auf, Menschen sieht man kaum. 

 

Von der Hauptinsel aus fahren wir mit einer Autofähre hinüber nach Yell, die Straßen werden enger, der Verkehr noch weniger und die Moorlandschaften noch größer. Eine nächste, diesmal etwas kleinere Fähre bringt uns hinüber nach Unst, der nördlichsten Insel der Shetlands. Noch schmalere Straßen, noch weniger Verkehr, kleine Streusiedlungen nahe der Meeresbuchten, immer mehr Shetlandponys.

 

Eine dieser Streusiedlungen ist Baltasound und in Baltasound liegt das "Baltasound Hotel", unser heutiges Ziel. Zum Hotel gehören einige Holzhütten, jede mit drei Doppelzimmer. Die Hütte in der schönen Farbe Pink ist unsere. Wir sind begeistert von unserer ersten Unterkunft auf den Shetlands und machen uns in unseren Zimmern breit. Eine Stunde später ist für uns in der Bar das vorbestellte Essen fertig. Nur Anni und Niels leben wieder aus dem eigenen Kochtopf. Das Essen schmeckt, das Bier auch, aber recht trinkfreudig sind wir heute Abend nicht. Flo und Niels spielen noch eine Partie Poolbillard, dann gehts wieder auf die Zimmer. Die letzte Nacht steckt uns allen noch in den Knochen und Busfahren kann manchmal sogar anstrengend sein. Basti liegt kaum im Bett, da schläft er auch schon. Mir fallen beim Schreiben auch bald die Augen zu.

 

Morgen wird endlich gewandert!

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Der Kronprinz (Donnerstag, 21 April 2016 13:47)

    Auweia!!!! Na, dann genießt Euren ersten Wandertag. Wird auch langsam Zeit...

  • #2

    Renate (Sonntag, 24 April 2016 10:44)

    ein etwas verspäteter Eintrag, aber ich habe mit euch gelitten und wünsche euch für Dienstag eine ruhige See!